Metapher in der Poesie


Ich glaube, ich bin auf Umwegen doch zu meinem Ziel gelangt. Ich wollte zeigen, daß auch die poetische Sprache niemals Anschauung gewährt, sondern immer nur Bilder von Bildern von Bildern. Ich habe zuerst darauf hingewiesen, daß die poetische, Sprache auf das Unsagbarste, z. B. auf eine Landschaftsstimmung, nur von ferne hindeuten kann; nun haben wir gesehen, daß auch das scheinbar Sagbarste in der Poesie jedesmal durch eine unkontrollierbare, von der Erfahrung unabhängige, dem Zufall der Sprachgeschichte folgende, anschauungslose Stimmung mit ausgedrückt wird. Und so habe ich nur noch hinzuzufügen, daß diese Hilflosigkeit der Sprache nicht etwa der Poesie eigentümlich ist, daß die Poesie vielmehr durch die Heftigkeit der erregten Stimmungen etwas voraus hat, daß die Anschauungslosigkeit in der Sprache des Alltags und der Wissenschaft noch beschämender ist als in der Poesie. An anderen Stellen dieser Kritik wird das Verhältnis der poetischen und der prosaischen Sprache nur weniger hervortreten. Wir werden zwar erfahren, daß die Sprachgeschichte eine ewige Bilderjagd ist, daß freilich die Menschen, die etwas Neues sagen wollen, zu diesem Zweck nach Bildern jagen, daß aber auch die Bilder, als ob sie selbständig wären, unaufhörlich nach neuen Vorstellungen und neuen Begriffen erobernd jagen. Das kommt bei der nüchternen logischen Betrachtung so heraus, als ob die Metapher sich von Geschlecht zu Geschlecht neue Begriffe eroberte. Aber zum Begriff wird das Neue erst nach der Eroberung; erst nach der Eroberung spricht das besiegte Volk die Sprache der Eroberer. Zur Zeit der Eroberung ist die neue Vorstellung noch sprachlos. Ein Gefühl, eine Stimmung hat zu der neuen Assoziation geführt. So liegen jeder metaphorischen Begriffserweiterung, also jeder Sprachentwicklung, jedesmal Gefühlswerte zu Grunde; die Poesie, welche Stimmungen mitteilen will, hat also gegenüber der Sprache des Alltags und der Wissenschaft, welche Erkenntnis mitteilen will, noch einen Vorteil voraus.

Für den Weg, auf welchem ein bestimmtes Wort neue Bedeutungen erobert, für jeden einzelnen Schritt des Bedeutungswandels der Sprache ist die Bezeichnung Metapher die beste; wer sich erst diese Anschauung von der eigentlichen Sprachgeschichte ganz zu eigen gemacht hat, der kann nicht daran zweifeln, daß jeder Schritt in der Geschichte des Bedeutungswandels dieselbe geistige Tätigkeit war, die in der Poetik als eine Metapher erklärt wird. Jedesmal mußte der ersten Bedeutungseroberung ein Spiel des Witzes, ein Bild, kurz das geistreiche Bemerken einer Ähnlichkeit zu Grunde liegen. Es gehört aber zum Wesen der Sprache, daß die geistreiche Beobachtung, die nur bei der ersten Anwendung der Metapher notwendig war, aus dem Bewußtsein schwindet, daß das Wort allmählich unbewußt an seinen erweiterten Umfang erinnert. Beispiele sind vorläufig überflüssig. Man schlage in einem beliebigen ausführlichen Wörterbuche nach, man wähle irgend ein beliebiges Wort, am besten ein viel gebrauchtes, und man wird z. B. im deutsch-französischen Teil den Bedeutungswandel im Deutschen, im französisch-deutschen Teil den Bedeutungswandel im Französischen verfolgen können, und überdies durch eine Vergleichung der beiden Bedeutungsgeschichten das Zufällige in diesem Vorgang deutlich sehen.


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