Mechanische Metapher


Die poetische Metapher unterscheidet sich von diesem Vorgang dadurch, daß sie — solange sie nicht, was häufig vorkommt, zum sprachlichen Bedeutungswandel führt — als Witz, als Bild, als geistreiches Spiel im Bewußtsein bleibt, beim Dichter wie beim Leser. Immer aber darf von einer guten Metapher in der Poesie gefordert werden, daß die Vergleichung, welche ihr zu Grunde liegt, in der Vorstellung des Dichters wirklich bestehe, daß sie aus einer individuellen und natürlichen Geistestätigkeit hervorgegangen sei. Die Metapher in der Sprachentwicklung wird mechanisiert dadurch, daß die Vergleichung aus dem Bewußtsein schwindet und das Wort eben eine neue Bedeutung zu gewinnen scheint. In der Poesie, wo das Bildliche aus dem Bewußtsein nicht schwinden sollte, ist eine solche Mechanisierung immer eine Abgeschmacktheit. Darum wirkt auf uns der Bilderreichtum schlechter Poeten, der Poeten aus zweiter Hand, so widerwärtig. Darum vertragen wir nicht mehr die durch die Renaissance aufgenommene Manier, die den Lateinern gewohnten Metaphern mechanisch zu wiederholen. Selbst das Genie Shakespeares kann uns nicht mit seinem ganzen Bilderreichtum aussöhnen, Weil zu viele tote Symbole aus der toten lateinischen Sprache mechanisch herübergenommen sind. Man lese daraufhin einmal den Prolog zum zweiten Teile von Heinrich IV., wo das tote Symbol der Fama, "ganz mit Zungen bemalt", redend auftritt.  


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