Schöne Sprache


Das gemischte Publikum, das Literaturgespräche als Vorbereitung oder Lückenbüßer für Liebeständeleien zu führen pflegt, ist mit dem lobenden Ausdruck schöne Sprache nicht eben karg. Schiller hat eine schöne Sprache, Heyse, aber auch Bourget und die Marlitt. Gustav Freytag hat namentlich in den "Ahnen" eine schöne Sprache. Den Leitartikeln aller Parteiblätter wird von den Parteimitgliedern eine schöne Sprache nachgerühmt. Was ist eine schöne Sprache? Der rein akustische Wohllaut der Sprache kann unmöglich gemeint sein. Man hat dafür andere und bessere Bezeichnungen und rühmt übrigens die schöne Sprache auch bei Ausländern, die man nur in der Übersetzung gelesen hat. Bei uns wurde Lamartine und wird jetzt Anatole France um seiner schönen Sprache willen gerühmt, und auch bei den Franzosen kennt man Schillers schöne Sprache. Ich habe lange Zeit geglaubt, schöne Sprache bedeute ganz naiv Gedankenreichtum. Man hört ja unzähligemal anläßlich eines prachtvollen Schillerschen Gedankens, eines brauchbaren Zitats, seine schöne Sprache rühmen. Ein hartes Wort wird da nicht zurückzuhalten sein, weil die Nachahmer dieses verehrungswürdigen Mannes das Übel, das er auf diesem einen Gebiete angerichtet hatte, in gefährlichem Maße verstärkt haben.  

 

* * *


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 04:25:16 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright