Worte ohne Anschauung


Aber diese hohe Tätigkeit der Wortkunst, die als Bild der Wirklichkeitswelt auch noch alle Veruche einer wissenschaftlichen Erkenntnis übertrifft, hat ihre Grenze an der Fähigkeit der Sprache, Anschauungen zu geben. Nicht nur die ältere Ästhetik, von Aristoteles bis Lessing, hoffte durch Worte eine Nachahmung der Natur herstellen zu können; das Wort Nachahmung gebraucht man nicht mehr, aber kein Dichter oder Ästhetiker scheint daran zu zweifeln, daß Bilder der Wirklichkeitswelt deutlich durch Worte hervorzurufen sind. Vischer sagt zwar (III, 93): "Wer die Kunst auf die Naturnachahmung stellt, erklärt sie für Spiel"; nachher spielt er ein wenig mit dem Worte "Spiel". Wir aber haben erfahren, daß Worte nicht Bilder geben und nicht Bilder hervorrufen, sondern nur Bilder von Bildern von Bildern. Wir kommen im praktischen Leben, dem Kellner gegenüber, mit den Worten der Sprache so gut aus, daß wir gewöhnlich übersehen, wie unfähig die Sprache ist, ihre letzten Absichten zu erreichen. Jedes einzelne Wort ist geschwängert von seiner eigenen Geschichte, jedes einzelne Wort trägt in sich eine endlose Entwicklung von Metapher zu Metapher. Wer das Wort gebraucht, der könnte vor lauter Fülle der Gesichte gar nicht zum Sprechen kommen, wenn ihm nur ein geringer Teil dieser metaphorischen Sprachentwicklung gegenwärtig wäre; ist sie ihm aber wieder nicht gegenwärtig, so gebraucht er jedes einzelne Wort doch nur nach seinem konventionellen Tageswerte, als Spielmarke, und gibt mit diesen Spielmarken nur einen imaginären Wert, gibt niemals Anschauung.  

 

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