Sprache der Poesie


Der Dichter kann nie etwas anderes tun, als von der Alltagssprache ausgehen. Was in den Worten historisch und symbolisch au reichen Vorstellungen mit enthalten ist, das kann er nützen. Was aber in neu erfundenen Akkorden und Dissonanzlösungen noch namenlos hin und her schwebt, was in noch namenlosen Farbennuancen über den neuen Bildern flimmert und schimmert, ebenso, was die Wissenschaft dunkel ahnt, das ist noch nicht reif für die Sprache der Wortkunst, weil es eben noch nicht Sprachin aterial ist, weil die Vorstellung noch nicht unwillkürlich an die Schallwellen des Wortes geknüpft ist. Hier ist das Dilemma, die Antinomie: nur die Gemeinsprache ist für den Dichter Material; aber nur der ist ein Dichter, dessen Individualsprache reicher, stärker oder tiefer ist als die Gemeinsprache.

So wird selbst der naturalistische Symbolist leider häufig nur zum Sprachvirtuosen, der sich abmüht, das Unsagbare zu sagen. Nur selten wird es ihm gelingen, die Sprache um ein Wörtchen zu bereichern. Der große Dichter unserer Zeit wäre eben der, der die neuen Vorstellungen von Musik, Malerei und Wissenschaft in solche Worte umsetzen könnte, daß sie gleich Worte der poetischen Sprache würden. Mit dem Stammeln und Lallen und Klangnachahmen ist nicht viel getan. Klarheit wäre das erste Erfordernis jeder brauchbaren Sprache, der Kellnersprache, der Forschersprache und der Poetensprache. Aber mit der Klarheit allein wird ein Wort noch nicht poesiefähig. Wie der Mensch alles Erbe seiner Ahnen unbewußt mit sich trägt, so ist jedes Wort der Poetensprache bereichert von seiner eigenen Geschichte und von den Symbolen der Geschichte. In tiefstem Grunde unterscheidet sich die Sprache der Poesie und der Prosa nur dadurch, daß die Poesie die Worte in der Fülle ihres historischen Reichtums gebraucht, die Prosa in der Magerkeit ihres Tageswertes. Und darum kann nur derjenige ein Sprachschöpfer sein, ein Mehrer der Poetensprache, der für die neuen Stimmungen Worte findet, besondere Worte von scheinbar historischer Prägung, Worte von symbolischer Fülle.

Daraufhin geprüft sind gerade die konsequenten Naturalisten arm. Auf die konventionelle Sprache wollen sie verzichten, eine neue zu schaffen sind sie außer stände; und so werden manche, jetzt viel bewunderte Geruchs-, Geschmacks-, Gesichts- und Tonsinfonien des Übergangsnaturalismus dereinst belächelt werden als die Schöpfungen einer Zeit, in welcher die Poesie aufhören wollte eine Wortkunst zu sein.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005