Poesie und Malerei


Leasings Laokoon wäre darum wieder ein recht zeitgemäßes Buch. Nachdem die Maler jahrzehntelang der Poesie ins Handwerk gepfuscht haben und auf unzähligen Genrebildern irgend einen Schwank, ein Abenteuer, kurz etwas Aussprechliches erzählten, ahmt jetzt wieder die Poesie, die der ganz Modernen, die neue realistische Malerei nach, namentlich darin, daß sie mit einem bedeutenden Wortaufwande die Konturen verwischt. So wie die Maler sich bemühen, durch Auflösung der scharfen Umrisse das Flimmern und Zittern des Lichts wiederzugeben, so möchten auch die Dichter als Affen der Mode Gestalten ohne Umriß schaffen, vor allem aber in den Schilderungen von Landschaften und Seelenzuständen mit den Malern wetteifern.

Die Maler haben insofern recht, als sie durch unbestimmte Farbeneindrücke die Fehler unseres Sehorgans nachahmen wollen; freilich Rembrandt war den modernsten auch darin überlegen. Und es kann wohl eine Zeit wiederkommen, wo die Malerei einen Ruck von einem weitsichtigen Maler erhält, während jetzt die kurzsichtigen den Weg weisen.

Die Dichter aber haben jedenfalls unrecht, wenn sie die Grenzen zwischen Poesie und Malerei so gröblich verkennen. Zu den Unterscheidungsgründen der Grenzen, die Lessing vornehmlich aus den Stoffen und dem Zeitmotiv gezogen hat, kommt wohl noch als wichtigster der Unterschied der Kunstmittel.

Wenn meine Grundgedanken richtig sind, dann ist das Wort ohnehin so flimmernd und zitternd, so schwebend, daß es feste Umrisse überhaupt nicht bietet. Jeder einzelne Begriff ist ein a peu pres, und dieser Fehler verstärkt sich natürlich in ungeheurer Steigerung durch die Kombinationen der Sprache im Satze. Wenn Goethe von Mahadöh in dem schönsten deutschen Gedichte sagt:

 

"Als er nun herausgegangen,

Wo die letzten Häuser sind ..."

 

so spricht er mit seinem Kunstmittel der Sprache alles aus, was aussprechlich ist. Dabei bleibt aber die Vorstellung so unbestimmt, daß der Leser oder Hörer sich sowohl die letzten Häuser als auch den Gang des Gottes innerhalb der angedeuteten Stimmung frei ausmalen kann. Und wenn hundert Maler die Stelle illustrieren (ein gräßliches Wort) wollten, so würden sie hundert verschiedene Auffassungen haben können, von denen keine falsch sein müßte.

Wollte nun ein Moderner Goethe übertrumpfen und z. B. das Bummelhafte oder Nachdenkliche des Gottesganges, dann wieder die Unbestimmtheit zwischen Stadt und Land (die letzten Häuser) durch konturlose Worte dämmernd malen, so würde er sinnlos handeln. Unsere bestimmtesten Worte sind so schwebend, daß die Poesie eben durch ihr einziges Kunstmittel von selbst so stimmungsvoll wird, wie die Malerei erst durch Aufwendung von raffinierter Kunst.

Die Poesie hat immer zitternde Umrisse, solange sie Poesie bleibt.

Gründlicher als durch Naturalismus und Symbolismus und alle übrigen kleinen Neuerungen der Technik kann die Poesie in unserer Zeit durch die neuen Stoffe umgewandelt werden, deren sie sich bemächtigt hat. Von den drei Gewalten, die uns lenken, Hunger, Liebe und Eitelkeit, waren der älteren Poesie nur die Illusionen bekannt, insbesondere die Illusionen der Liebe. Will man das Schaffen von Zola u. s. w. auf eine Formel bringen, so wird man sagen können: die drei Gewalten seien ihrer Illusionen entkleidet worden, und insbesondere die Liebe habe aufgehört, den Mittelpunkt der dichterischen Phantasie zu bilden. Der Kampf ums Dasein gibt die tragischen, der Markt der Eitelkeiten die komischen Stoffe der neuen Zeit.

 

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