Enge des Bewußtseins


Der Unterschied zwischen der Sprache als einem Kunstmittel und der Sprache als einem Erkenntniswerkzeug ist also darin zu suchen, daß der Dichter Stimmungszeichen braucht und besitzt, der Denker Wertzeichen haben müßte und sie in den Worten nicht findet. Dazu kommt aber noch etwas, was kaum noch in seiner Bedeutung für die sogenannte Logik gewürdigt worden ist: die Enge des Bewußtseins. Nehmen wir als Beispiel wieder die "Ode an den Mond" vor.

 

Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Nebelglanz.

 

Der an sich selbst experimentierende Psychologe mag im stände sein, zwei bis drei dieser Worte zusammen durch das Nadelöhr des Moments zu erblicken, viel weiter wird seine Fassungskraft nicht gehen. Alle diese Experimente (deren Fehlerquelle gerade die Aufmerksamkeit ist) sind mit den kleinen Unterschieden ihrer Ergebnisse für uns unerheblich, Der unbefangene Leser oder Hörer wird ohne Zweifel immer nur ein Wort auf einmal, meinetwegen aber auch zwei bis drei Worte im Bewußtsein finden, die er bei der nächsten Zeile nicht mehr "gegenwärtig" hat. Und dennoch versteht er das Gedicht, dennoch erzeugt das Ganze die ganze Stimmung. Wie ist das möglich? Nun, nicht anders, als wie es für Goethe möglich war, das Gedicht zu sprechen oder zu schreiben, zusammenhängend, trotzdem auch ihm nur immer höchstens zwei bis drei Worte zugleich im Bewußtsein waren. Es ist eben eine unausdenkbar komplizierte Arbeit, die das Gehirn beim Sprechen oder Hören auch in dieser Beziehung leistet. Wie das Auge einen schnell im Kreise bewegten Funken als Kreis erblickt, so verbindet das Gehirn die Nachbilder zu einem geordneten Bilde. Schön. Wir begreifen, wie das Flimmern und Wogen einer Stimmung sich im Dichter wortreich auslöst und wie die Worte im Hörer dann das gleiche Flimmern und Wogen wieder erzeugen. Und den Zusammenhang stellt dann oberflächlich eben das Gedächtnis her, wobei man wohl zu beachten hat, daß immer nur zwei bis drei Worte gegenwärtig sind und das Gedächtnis ganz individuell nur ein paar Hauptpunkte des Verlaufes (mag die Dichtung größer oder kleiner, ein Epos oder ein Idyll sein) festhält. Was vorhanden ist, jeden Augenblick vorhanden, ist: 1. ein bis drei Worte, 2. die Stimmung des Ganzen, 3. ein oberflächlicher Zusammenhang nach subjektivem Interesse.

Was haben wir von diesen drei Dingen, wenn es sich un Kenntnisbereicherung, ich meine um Fortschritt im Denken (nicht durch Naturbeobachtung) handelt? Die im Nadelöhr stehenden Worte sind an sich unklar und ohne Zusammenhang ganz unverständlich. Die Stimmung des Ganzen ist ein Reiz in Dichtungen, aber bei gelehrten Schriften nur eine halb-dichterische Zutat. Freilich oft das Wertvollste an philosophischen und historischen Darstellungen. Der oberflächliche Zusammenhang nach subjektiv gerichteten Erinnerungspunkten ist für eine genaue Überwachung des Gedankenganges unzulänglich. Es ist, als ob die Streckenwärter einer Eisenbahn mit Glühwürmchen versehen Obacht gäben, während der Schnellzug durch die Nacht herannaht.

Wie ist es also möglich, daß ein Philosoph trotz der Enge des Bewußtseins ein System im Zusammenhang denkt und der Leser ihm folgt?

Ich habe nur eine Antwort: es ist nicht möglich. Um das Schrecklichste zu sagen: wir können gar nicht prüfen, ob der Denker seinen Begriff in zwei auseinander liegenden Sätzen ganz gleich gebraucht habe; denn selbst, wenn wir die beiden Sätze nebeneinander stellen, sind wir nicht im stände, sie zu vergleichen, weil wir sie nicht zugleich denken können, weil wir sie nie dazu bringen können, sich (wie in der Geometrie) zu decken.

 

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 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 01:52:10 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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