Künste Sinnenreize


Wem diese Erklärung nicht gefällt, der achte einmal darauf, wie sehr alle Künste und anderen Genüsse nur Sinnenreize sind. Ein Systematiker könnte aus den fünf Sinnen fünf Künste konstruieren, von denen jede nur durch spezifische Vorstellungen wirken kann. Die Poesie wäre dazu die umfassendste Kunst, weil sie mit ihrem Wortvorrat sämtliche spezifischen Sinnesenergien zur Reproduktion von Vorstellungen reizen kann. Man nennt diese sechs Künste nur häufig anders.

Der niederste Sinn ist der sogenannte Tastsinn. Niedrig, weil noch sehr wenig differenziert. Er ist beim Menschen nur höher entwickelt als bei den Mollusken. Er hat siel: entwickelt als Korrelat der sogenannten Undurchdringlichkeit der Körper. Das heißt, ein Lebewesen mußte getastet haben, um auf seinem Wege umkehren zu können, sobald es auf einen härteren Gegenstand stieß. Das Getast sagt: Du kannst nicht mit dem Kopf durch die Wand. Moralisch ausgedrückt: Du sollst nicht mit dem Kopf durch die Wand. Nun, selbst diese niedrigste Empfindung kann bei luxuriös organisierten Menschen eine Kunst werden, sieh zu einer Sinfonie ausbilden. Die raffinierte Pariserin und Richard Wagner, die ihr Badezimmer und ihr Schlafzimmer mit ausgeklügelter Vorsicht nach den differenzierten Wünschen ihrer Haut ausstatten, die eine bestimmte Stoffweichheit für jeden ihrer Körperteile bevorzugen, Temperatur und Zusammensetzung ihres Badewassers ausprobieren, die für Sitzen, Liegen und Lehnen bestimmte Möbelformen erfinden, sie sind Künstler des Getasts. Und ich fürchte, daß bei der nahen Verwandtschaft zwischen Künsten und Lastern auch hier die Grenze schwer zu ziehen sein dürfte.

Es wird schon bekannter anklingen, wenn ich nun auch von Sinfonien des Geruchs und Geschmacks rede. Die beiden Sinne waren ursprünglich Diener derselben Bestie, des Magens. Sie hatten von zwei verschiedenen Standpunkten mir auszusagen: Das bekömmt dir, das bekömmt dir nicht. Der ungebildetere Geschmack konnte nur sagen: Das ist gut, das ist schlecht. Der feinere Geruch: Das riecht, das stinkt. Der Mensch in seiner Unnatur hat aber auch seinen Magen lasterhaft gemacht, er hat Nahrungs- und Genußmittel nach seinen eigenen krankhaften Gelüsten degenerieren lassen, und so sind allmählich Sinfonien des Geschmacks und des Geruchs möglich und sogar alltäglich geworden. Die individuelle Verschiedenheit einer Geschmackssinfonie (hergestellt von der Kochkunst, dieser rohesten Lasterdirne) kann man sich veranschaulichen, wenn man etwa die Tafel einer bayrischen Kirmeß mit einer Bouillabaisse vergleicht, eine orthodoxe jüdische Hochzeit zu Lemberg mit einem vornehmen Pariser Diner. Überall ist ein besonderer Stil. Und unter den Tafelgenossen gibt es wie in jedem Konzert einige Kenner und viele dumme Fresser.

Die Kenner von Geruchssinfonien sind noch seltener, aber sie sind vorhanden. Es gibt unter ihnen auch schon moderne Nasen, welche den Reiz von Dissonanzen würdigen.

Es sollte natürlich nur gezeigt werden, daß auch diese Sinne einer künstlerischen Steigerung fähig sind. Es wäre alberne Paradoxie, wollte ich die andere Art der eigentlich sogenannten Künste leugnen. Doch eine Verwandtschaft ist da.


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