Das Schweigen


Von seiner augenblicklichen Stimmung oder von seiner Lebensstimmung, also von seinem Charakter, wird es abhängen, ob der Mensch lieber spricht oder lieber schweigt.

Zweierlei Bestien sind die dümmsten. Die gar nicht reden können, wie z. B. vermutlich die Austern; und die gar nicht schweigen können. Beiden ist es versagt, sich mitzuteilen. Die einen sind stumm, und die anderen machen nur Geräusch. Daher kommt es, daß in Gesellschaft mitunter sehr viele unaufhörlich zugleich zu sprechen scheinen. Sie haben einander mchts zu sagen, und es ist ganz belanglos, daß das Geräusch mit artikulierten Lauten erzeugt wird.Fast überraschend ist es, daß schon der logisch ordnende, also sprachunterworfene Spinoza sich auf Seite der Schweiger stellt^ wenn er (tract. theol.-pol. XX.) sagt: "Nam nee peritissimi, ne dicam plebem, tacere sciunt". Freilich hat er in dieser selben, an versteckten Kühnheiten überreichen Schrift auch höhnisch genug bemerkt (XIV. i. f.), Philosophie gründe sich auf Natur, der Glaube (nur) auf Sprache und Offenbarung. Und: Gott (oder die Natur also) habe sich den Propheten durch Sprache mitgeteilt, Jesu Christo aber unmittelbar: "Turn enim res intelligitur, cum ipsa pura mente extra verba et imagines percipitur" (IV.).

Die Geschichte von dem Schatzgräber, dessen Schätze sich beim ersten ausgesprochenen Wort in dürres Laub oder Asche verwandelten, oder aber tausend Fuß tiefer in die Erde sanken, wiederholt sich alltäglich. Der Denker und der Dichter wühlt sich ein in die bessere Erkenntnis von Welt und Menschen. Solange er schweigt, solange ihn die Wollust des Findens nicht zu Verstand kommen läßt, solange glaubt er Gold in der Hand zu halten. Will er es aber aussprechen, will er dem Funde einen Namen geben, will er die Erkenntnis aussprechen, so erfährt er entweder, daß er der geglaubten Erkenntnis gar nicht näher gekommen ist, daß sie tausend Fuß tiefer im Dunkel versunken ist, oder daß das Gold, das er in der Hand zu halten glaubte, und das er darum nicht losläßt, sich sichtbar in dürres Laub oder Asche verwandelt. Und der Schmerz des Denkers, der Schmerz darüber, daß auch die Wollust des Findens eine Illusion ist, der ein grauer Kater auf dem Rücken sitzt, er wird nicht geringer, wenn geringere Leute die Asche als Gold bewundern und beneiden.

 

* * *


 © textlog.de 2004 • 15.12.2017 05:37:44 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright