Die Lüge


Man hat mir nicht ohne zitternde Stimme entgegengehalten, daß die Lüge nicht mehr unsittlich sein werde, wenn man die Sprache als ein schlechtes Werkzeug der Erkenntnis erkannt habe; wenn jeder Satz falsch wäre, so käme es auf ein bißchen Fälschung mehr nicht an.

Darauf habe ich zunächst zu erwidern, daß mich die Geschichte der menschlichen Sitte hier wenig angeht, daß der Vorwurf der Unsittlichkeit oder Härte den Gedanken so wenig trifft wie den Diamanten der Vorwurf der Unsittlichkeit oder der Härte, daß die Lüge überhaupt an sich so wenig in das Gebiet der Moral gehöre wie andere Waffen, und daß nur der Gebrauch der Lüge wie der Gebrauch anderer Waffen unter den Begriff der Bräuche oder Sitten falle.

Sodann aber wird der Charakter, der unbeugsam auf seiner Meinung beharrt, erst recht eigensinnig werden, wenn sich ihm die Sprache als das mangelhafte System von Zeichen für mangelhaft bewußte Empfindungen enthüllt hat. Der Bekenner von ehemals, der sich für seinen Begriff von der Dreieinigkeit verbrennen ließ, mußte eigentlich mitunter den fürchterlichen Einfall haben: "Wie, wenn meine Gegner recht hätten?" Er starb für Worte, deren Sinn auf eine Autorität gegründet war, auf die der Bibel, auf die eines Lehrers, auf die der Tradition. Der Märtyrer von ehemals starb also, weil er seinen Glauben an andere nicht verleugnen wollte.

Nach unserer Vorstellung sind alle unsere Kenntnisse schließlich die Folgen unserer eigensten Empfindungen. Wir müßten also den Glauben an uns selbst verleugnen, wollten wir unsere Überzeugungen abschwören. Und da meine ich doch, es werden zahlreichere Menschen für ihre Empfindungen eintreten wollen als für Worte fremder Leute. So schuftig ist doch nicht leicht ein Mensch, daß er blau nennt, was er weiß sieht.

Märtyrer übrigens, welche, wie z. B. die gläubigen Mohammedaner, um eines jenseitigen Lohnes willen tapfer sterben, kann man gar nicht zu den Bekennern rechnen; sie sind waghalsige Spekulanten, die selbst den Tod kaufen, weil sie à la hausse spekulieren.

 

 

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