Instinkt


Wäre der Darwinismus mehr als eine aufrüttelnde Hypothese, gäbe er uns ernsthafte Kenntnisse, so würden wir freilich vielleicht wahrnehmen, daß auch die Entwicklung der Tiere ihre kodifizierte Geschichte habe. So würden wir vielleicht wissen, daß in den Flügeln eines Vogels, und zwar in der Anatomie der Flügelteile, in dem leicht und praktisch gewordenen Bau der Knochen, in der Konstruktion der Federn u. s. w. noch besser der Erinnerungsschatz unzähliger Jahrtausende registriert sei als die Summe der Kultur in der Sprache eines Volkes. Daß die Erinnerung der Art lesbarer hafte an der Form der Flugwerkzeuge als an der Eichtung des Fluges, an der Gestaltung der Sprachwerkzeuge besser nachweisbar sei als am Lautwandel oder am Bedeutungswandel. Aber der Darwinismus ist nur der Anfang einer Hypothese, und so besteht für unsere Auffassung nach wie vor der alte Gegensatz zwischen der sichtbar fortschreitenden menschlichen Entwicklung und der stationären Kultur (z. B. in den Staaten der Bienen und Ameisen), die wir nach wie vor Instinkt nennen. Es fehlt den Bienen und Ameisen wahrscheinlich — ganz sicher wissen wir das nicht — eine Erfindung wie die menschliche Sprache, ein so empfindlicher Nervenapparat, daß dem Artgedächtnis oder dem Instinkte rasch und bequem die Erfahrungen des individuellen Gedächtnisses hinzugefügt werden könnten. Unsere Beobachtungen sind zu schlecht und zu jung, als daß wir wüßten, ob die Ameisen seit Menschengedenken Fortschritte gemacht haben. Der Begriff der Anpassung läßt bloß logisch darauf schließen, daß persönliche Erfahrungen wohl nützlich im Gedächtnis erhalten werden können.  


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