Grammatik


Auch die Kategorien der Grammatik, welche sich in den endlosen Zeiten der Sprachgeschichte ausgebildet haben, und welche das Kind binnen wenigen Jahren in den Formen seiner Muttersprache lernt, sind doch nur das Register eines Weltkatalogs, den die Sprache utopistisch zu erreichen strebt, gewissermaßen das Alphabet, nach welchem der Realkatalog der Welt geordnet wird. Es wäre sehr unphilosophisch, an die Objektivität dieses Alphabets zu glauben. Die Kategorien des Raums, der Zeit und der Kausalität dienen nur zur Orientierung des Menschen in seinem Reich. Wollte sich die Pflanze in demselben Reiche orientieren, sie müßte die Kategorien ganz anders verteilen, müßte für sich z. B. ein Zeitgedächtnis in Anspruch nehmen ohne Zeitbegriff. Und hätte ein Gott das Reich geschaffen, so hätte er wieder ein ganz anderes Alphabet des Weltkatalogs. Noch menschlicher, noch mehr im Dienste der menschlichen Interessen entstanden sind diejenigen Kategorien, die sich in der Grammatik ausprägen. Der Mensch hat in seiner Sprache die Welt nach seinem Interesse geordnet. Ich würde es für keinen sophistischen Versuch halten, das menschliche Interesse an sich selbst, also den Nutzen für seine Person, für den Keim aller Kategorienentwicklung zu erklären. Das Substantiv bezeichnet die Dinge, also alle diejenigen Ursachen, auf welche der Mensch von den Wirkungen auf sein Ich zu schließen gewohnt ist. Von seinem Ich schließt er auf die Einheit vieler anderen Dinge, von seinem Ich aus bildet er den Begriff der Einheit, welche einerseits zu den mathematischen Kategorien, anderseits zu der Einzahl und Mehrzahl der Grammatik führt. Mit seinem lebendigen Ich steht er in jedem Augenblick zwischen einer Vergangenheit und einer Zukunft und kommt so zu der Kategorie der Zeit. Die jeweilige Aufmerksamkeit seines Ichs läßt ihn an den Dingen genauer als ihre Einheit bald diese, bald jene Eigenschaft, bald diese, bald jene Wirkung ins Auge fassen und gibt ihm so die Begriffe der Eigenschaft und der Tätigkeit, das Adjektiv und das Verbum. Es gibt kein Verbum in der zwecklosen Natur; das Verbum ist eine Zusammenfassung unter menschlichen Zwecken. Vollends die Fürwörter sind ganz persönlicher Natur. Wenn also das Kind in wenigen Jahren das Netz der Sprachkategorien gebrauchen lernt, an dessen Maschen die Menschheit in ungezählten Jahrtausenden gearbeitet hat, so hat es doch nur ein Werkzeug in die Hände bekommen, das dem Interesse ungezählter Milliarden von Individuen zu dienen bestimmt war, so hat es nur von einer nützlichen Erfindung, vorläufig mechanisch, Gebrauch machen gelernt.

Dabei sehe ich völlig ab von einer anderen Frage, zu deren Beantwortung die Vorarbeiten fast völlig fehlen: ob bei der Aufstellung der so unbezweifelbaren Einzelgrammatiken nicht auch oft genug Sonderinteressen (der philosophischen oder kirchlichen Schulen) mitgespielt haben? Spinoza muß das stark empfunden haben, da er einmal (an entlegener Stelle: Compend. gramm. lingu. hebr. VII.) ärgerlich ausruft: Nam, ut meo verbo dicam, plures sunt, qui Scripturae, at nullus, qui linguae Hebraeae Grammaticam scripsit.  


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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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