Synonyme


Es liegt also am Wesen der Sprache, wenn die sprechenden Menschen einander mißverstehen, und nicht an der einst vielbeklagten Synonymie, die das verschuldet haben sollte. Ja, in dem Sinne, in welchem Aristoteles die Synonymie verstand, wäre das richtig. Für ihn lag Synonymie vor, wenn z. B. der Mensch und der Stier unter dem Begriffe Tier zusammengefaßt wurden; wird nämlich der Begriff auf den Menschen angewandt und dann auf ein Tier (auf ein "wirkliches" Tier, sagt man dann wohl), so sind die beiden Begriffe Tier nur sinnverwandt, nicht identisch. Ganz anders liegt die Sache, wenn man unter Synonymie die Sinngleichheit verschiedener Wörter einer Sprache verstehen will.

Das Wahre über diese Synonymie wird wohl sein, daß es nie und nirgends auf der Welt Synonyme gegeben hat. Im Wörterbuch wohl, also auch in dem, was abstrakt die Sprache eines Volks, seine Sprache zu einer bestimmten Zeit heißen, mag. Aber die konkrete Sprache kennt keine Dubletten und kann keine kennen. Die konkrete Sprache ist da doch immer nur das jeweilig gesprochene Wort; der Sprecher kann zwischen ähnlichen Ausdrücken schwanken (er tut es nur, wenn er so etwas wie ein Literat ist), aber er wählt schließlich nur einen, d. h. er spricht ihn und beweist damit, daß er ihn gewählt hat. In der Individualsprache, d. h. in der Durchschnittssprache eines Einzelmenschen, gibt es meistens nicht einmal diejenigen Synonyme, die im Wörterbuch verzeichnet sind. Der Einzelmensch, wenn er nicht ein Literat, ein Wortvirtuose oder sonst ein Geck, ein "Gebildeter" ist, kann gar nicht wählen. Nicht nur unter den Haupt- und Zeitwörtern ist seine aktive Kenntnis geringer als seine passive, versteht er mehr, als er gebraucht. Er versteht Synonyme, aber er gebraucht sie nicht. Er versteht Junge, Bub und Knabe, aber geläufig ist ihm nach Ortsgebrauch nur eins dieser Worte; er versteht schauen, sehen und blicken, er versteht gehen, laufen und springen, aber er sagt immer nur das eine oder das andere. Und so auch bei den Redeteilen niedrigeren Banges. In der Grammatik steht obwohl, obschon, obgleich, der Einzelmensch kennt aktiv nur eins davon; die Grammatik stellt die Wahl frei zwischen aber, allein, jedoch u. s. w., die Individualsprache jedoch (allein, aber) kennt keine Wahl.

Der Zustand, daß Synonyme vorhanden zu sein scheinen, tritt erst dann ein, wenn die Sprache gebildet oder gelehrt übersehen wird. Dann stehen so einem Manne, der damit aus dem Volke fast heraustritt, die gleichbedeutenden Worte der einzelnen Mundarten zur Verfügung, dazu vielleicht noch Fremdworte, d. h. Worte entfernterer Nachbarn. Nicht in den Individualsprachcn der Volksgenossen, wohl aber in der Gemeinsprache des Literaten (der in ähnlicher Weise schon vor Jahrtausenden wirksam gewesen sein kann als Priester, als Rhapsode, als Händler, kurz als ein Mann, der von der Einheit eines größeren Ganzen lebt) kann dann eine Zeitlang ein Ausdruck neben dem anderen fortzuleben suchen. Aber die Tendenz der Sprache wird immer sein, die Synonymität zu vernichten. Entweder durch Außerkurssetzen des einen Ausdrucks oder durch Nüancierung der Begriffsinhalte. So ist, wie gesagt, das Wort für ein männliches Kind von etwa zwölf Jahren in Deutschland noch nicht gemeinsprachlich fixiert; die Schriftsprache sagt zwar "Knabe", aber der Süddeutsche hat nicht die Empfindung, mit "Bub", der Norddeutsche nicht mit "Junge" die Gemeinsprache verlassen zu haben. Im Norddeutschen hat Bub (Bube) eine verächtliche Bedeutung, "Knabe" hat die Nuance der Unreife. Sollte nun einmal "Junge" das alleinige Wort für Gemein- und Schriftsprache werden (wozu von Berlin aus eine Neigung zu wachsen scheint), so wären eben Knabe und Bub bald keine Synonyme mehr. So geht es immer zum Glück für die Sprache. Sie braucht die Worte als Merkzeichen für Erinnerungen. Wir wissen, daß schon die zu Grunde liegenden Sinneseindrücke nicht genau sind, daß die Erinnerungen schweben und schwanken; wären da nicht einmal die Merkzeichen selber fest und klar unterscheidbar, die Worte wären so wertlos, wie Bojen, die unverankert im bewegten Meere schwämmen.

Ähnlich geht es zu, wenn ein Fremdwort das einheimische verdrängen will. Von sogenannten Zufällen hängt es ab, ob der Sieg gelingt oder nicht, ob das eine oder das andere sich nuanciert. Es ist interessant, daß da nicht einmal Staatsverordnungen entscheiden können.

 

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