Männersprache


In einem einzigen Falle ist meines Wissens unter den Völkern der Erde beobachtet worden, daß die Männer eines Stammes eine andere Sprache reden als die Frauen desselben Stammes. Man nimmt gewöhnlich an, diese seltsame Erscheinung sei darauf zurückzuführen, daß in alter Zeit eine karaibische Horde die betreffenden Inseln überfallen und alle Männer abgeschlachtet habe, wie das ja im alten Bund ebenfalls zum Völkerrecht gehörte. Man nimmt ferner an, daß dieses eine Mal die Weiber des eroberten Inselvolkes den karaibischen Eroberern wohl Kinder geboren, aber ihre Sprache nicht angenommen hätten, daß vielmehr sich im Harem die ehemalige arawakische Sprache von Weib zu Weib, von Mutter zu Tochter fortgeerbt habe. An sich würde eine solch e Trennung der Erbschaft nach Geschlechtern allgemein bekannten Naturvorgängen nicht widersprechen. Daß der Hahn immer wieder dem Hahne ähnlich ist, die Henne immer wieder der Henne, das ist uns so geläufig, daß es uns gar nicht mehr wundert. Daß der Hahn anders "singt" als die Henne, das wundert uns nicht. Nicht, daß nur die Männchen unter den Singvögeln die Gesangskunst ausüben, nur sie die Kunst geerbt haben. Die Ähnlichkeit der Geschlechter und die Erblichkeit der Eigenschaften nach Geschlechtern ist so allgemein, daß die Bemerkung vielleicht überraschen dürfte, ob nicht darin gerade eins der größten Naturwunder verborgen sei. Jedenfalls bildet die Trennung der Sprache nach Geschlechtern, wie sie bei diesen karaibischen Weibern beobachtet worden ist, eine Analogie zu einem der allergewöhnlichsten Naturvorgänge.

Wir sind keine Karaiben, aber es gehört nur ein geringer Grad von Aufmerksamkeit dazu, zu bemerken, daß auch bei uns, namentlich in den kultivierten Kreisen der Kulturländer, ein fühlbarer Unterschied zwischen Männersprache und Weibersprache besteht. Hundertmal kann man über den Roman einer Schriftstellerin die Bemerkung hören, man erkenne die Weibersprache. Noch größer dürfte der Unterschied m der sogenannten Konversation sein, nicht so sehr m der gemeinsamen Unterhaltung von einfachen Männern und Weibern; wohl aber zwischen dem Ton, in welchem sich z. B. die Herren im Rauchzimmer unterhalten, und dem Tone, welchen wohlerzogene Damen Herren gegenüber anschlagen. Der Unterschied ist vielfach so schwer begrifflich auszudrücken. und hängt anderseits so sehr mit der Ungleichheit der Schulbildung und Lebenserfahrung zusammen, daß besondere Vorstudien dazu gehören, Männersprache und Weibersprache wissenschaftlich zu sondern. Soweit soziale Bedrückungen die Sprache des Weibes tiefer gestellt haben, soweit ist die Sprache auch hier ein Spiegelbild der öffentlichen Zustände. In Arbeiterkreisen, wo Schulbildung und Lebenserfahrung bei beiden Geschlechtern eher gleich sind, bleibt von allen Unterschieden fast nur noch derjenige bestehen, der durch die Keuschheit der Frauenohren veranlaßt wird, mag nun diese Keuschheit in der Natur begründet sein oder auf traditioneller Heuchelei beruhen. In Arbeiterkreisen ist der Gegensatz zwischen Männer- und Weibersprache nur infolge der Keuschheit deutlich. Der Mann gebraucht oft unzweideutig starke und unanständige Worte; die Sitte gestattet der Frau, die Worte anzuhören und sogar zu belächeln; sie verbietet ihr aber die Anwendung.

Ganz anders trennt die Keuschheit die beiden Sprachen im Salon. Hier tritt in der Männersprache — man kann es wohl für alle diejenigen Gesellschaftskreise behaupten, welche einen Salon zu bilden sich bemühen — an Stelle der starken Unzweideutigkeit die Zweideutigkeit, die entweder Schüchternheit oder Frivolität sein kann. Dies hat zur Folge, daß gerade über geschlechtliche Gebiete allmählich ein Austausch der Sprachen stattfindet und daß die gewandte Frau des Salons sich allmählich der zweideutigen Männersprache bedienen kann, solange, bis der zweideutige euphemistische Ausdruck eindeutig geworden ist und damit für die Weibersprache untersagt. Griechen und Römer achteten in ihren Schauspielen natürlich nicht auf den Unterschied zwischen Männer- und Frauensprache. Selbst das Genie Shakespeares achtet selten darauf. Erst als Frauenrollen regelmäßig von Frauen gespielt wurden, gehörte es zur Technik des Dramas, die Weiber ihre Weibersprache reden zu lassen. Das Salonstück brachte dann die emanzipierte Frau, die auch die Männersprache beherrscht. Mit weiblichen Abschwächungen (Hedda Gabler). Das Familienleben und der Prostitutionsverkehr der Großstadt bieten natürlich noch reichere Beispiele als das Theater. Besonders lehrreich sind in dieser Hinsicht die Bezeichnungen für die natürlichsten Bedürfnisse des Menschen, sodann die Worte für Dirnen.


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