Euphemismus


Die Sprache hat für die natürlichsten Bedürfnisse des Menschen neben der Männer- und Frauensprache noch eine dritte Art geschaffen, die Sprache der Kinderstube.

Für die Dirnenwelt ist die Sprache des großen Weltdirnen-marktes Paris charakteristisch. Immer wieder beobachten wir denselben Vorgang, daß irgend ein harmloses Wort euphemistisch für den verfehmten Begriff eintritt, daß das Salonweib diesen euphemistischen Ausdruck gebrauchen darf, bis eines Tags der euphemistische Ausdruck durch den Gebrauch schmutzig geworden ist und ein neues harmloses Wort in die Pfütze geworfen wird. Der Vorgang wiederholt sich so häufig, daß wir Zeugen mehrerer solcher Abläufe sein können. Vor einigen Jahren kam für die Dirnen in Paris der Ausdruck . "ces dames" auf; ein Euphemismus, wie für die Weibersprache bestimmt. Heute ist er eindeutig geworden und im Salon verpönt. Eine andere Bezeichnung, die in unseren Tagen entstand, führte sich als ein Witz ein und machte darum Anspruch, in das Wörterbuch des neugierigen Salonweibes aufgenommen zu werden. Man nannte die armen Frauenzimmer "die Horizontalen"; der Ausdruck "horizontales Handwerk" bestand schon länger. Heute ist das Scherzhafte im Worte vergessen; es ist eindeutig geworden und seitdem verpönt.

Ich brauche kaum daran zu erinnern, daß auch die in Betracht kommenden deutschen Worte eine ähnliche Geschichte Laben; wenn der Verbrauch bei uns auch nicht so schnell geht. "Dirne" ist heute noch in manchen deutschen Mundarten ein herzerfreuendes Wort, wie das französische "fille". Dann wurde es in der Schriftsprache zum Ersatz für Hure eingeführt, ist aber heute in diesem Sinne eigentlich nur noch Schriftsprache.

So mit vielen Worten menschlicher Bedürfnishandlungen und "Bedürfnisanstalten". (Das englische Zeichen W. C. ist weiter gedrungen als die Sache; in Norwegen fand ich einmal eine Stange, sitzbereit über Steine gelegt, als W. C. bezeichnet.) Unser "kacken'' war wahrscheinlich im 15. und 16. Jahrhundert das feine Salonwort, das Fremdwort (lat. caccare), das dort gesagt wurde, wo "scheißen" die Ohren verletzt hätte. So Luther einmal: "Gott kacket und bißet nicht". Die Herkunft des ebenfalls prüden "pissen" (für "seichen") ist nicht aufgeklärt.

Ähnlich verhalten sich die Bezeichnungen für schamvoll verhüllte Körperteile. Es leben in Deutschland und Frankreich viele ehelich verbundene Leute, welche die Bezeichnungen für die entsprechenden Körperteile verschieden benennen, und welche bei aller Intimität doch niemals miteinander darüber gesprochen haben.


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