III. Realität der Sprache



Macht der Worte


Weil die Sprache zwischen den Menschen eine soziale Macht ist, darum übt sie eine Macht aus auch über die Gedanken des einzelnen. Was in uns denkt, das ist die Sprache; was in uns dichtet, das ist die Sprache. Die Empfindung, die oft in Worte gebracht worden ist: "Nicht ich denke; es denkt in mir —" die Empfindung des Zwangs, ist einfach richtig. Die Macht der Worte über das einzelne menschliche Gehirn ist erst im langen Verlaufe der sogenannten Entwicklung zu der übergroßen Ausdehnung gediehen, die wir in historischen Zeiten beobachten können. In seinem tierähnlichen Stande hätte der Mensch diese Macht wie eine Krankheit empfunden, wie eine epidemische Krankheit, die in der Menschheit die Anlage zur Sprache zurückließ. Wir sehen diese Macht oft im Traume. Irgend ein Sinneseindruck, das Schlagen einer Uhr z. B., dringt wie ein Mückenstich durch die dichten Schleier der Sinne, er kann nicht wieder heraus, und es ist vielleicht eine andere Form der Erhaltung der Energie, daß der empfangene Eindruck nun im Gehirn von Erinnerung zu Erinnerung springt, immer bestrebt, den Ausgang zu finden, und seine ursprüngliche Kraft so sehr beibehält, daß er in dem Augenblicke den Körper weckt, da er an irgend einer entfernten Stelle die Schleier zurück wieder durchbricht. Dieser passive Wahnsinn des Traums, der uns die kaum faßbare Schnelligkeit der Assoziationen kennen lehrt, läßt sich nachahmen in dem zeitweiligen und künstlichen Wahnsinn, den die Hypnose erzeugt. Hier löst nicht ein Sinneseindruck die Flucht der Assoziationen aus, sondern ein Wort. Ein Zeichen also, ein Signal; auch der Sinneseindruck im Traum war so ein Signal für das regellose Spiel der Assoziationen. Man bedenke, welche unerhörte Flucht von Vorstellungen durch das Gehirn des Hypnotisierten gehen muß, damit er z. B. auf das Wort Wein Tinte trinke und ein freundliches Gesicht dazu mache.  


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