Belletristik


Wirkt die Vorstellung und lebhafte Erinnerung auf den Trieb des Menschen im allgemeinen, so ist es dem hochzivilisierten Menschen vorbehalten, daß bei ihm der Trieb auf einem noch weiteren Umweg erregt wird, nämlich schon durch das Lautzeichen der Vorstellung, durch das Wort. Darum wird auch von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr und mehr der Begriff der Schamlosigkeit künstlich auch auf das Wort übertragen, obwohl das Wort weit unschuldiger ist als die menschlichen Vorstellungen. Diese Wirkung des Wortes auf den Geschlechtstrieb muß eine neue Erwerbung der Menschheit (eine neue Entartung, wenn man will) sein, da sonst nicht noch Luther so unbefangen von diesen Dingen hätte reden und schreiben dürfen. (Nicht unbefangen, nicht naiv ist die von Zeit zu Zeit "moderne" Rückkehr zum literarischen Grobianismus, wie im Sturm und Drang, wie im Naturalismus; modische Unflätigkeit ist pervers.) Augenblicklich liegt aber die Sache bereits so, daß die Nerven, namentlich die unserer viel lesenden Stadtbevölkerung, die Verbindung zwischen Lautzeichen und Geschlechtstrieb längst so hergestellt haben, wie vielleicht einst die Nervenverbindung zwischen einer bestimmten Geruchserregung und dem Geschlechtstrieb war, und daß vielleicht diese Verbindung selbst schon als eine Krankheit der Nerven aufgefaßt werden könnte, wenn wir nur anders zwischen Entartung und Entwicklung, zwischen Krankheit und Leben genau unterscheiden könnten. Unzählige Romane und Novellen werden heute von jungen Burschen und Mädchen unbewußt um dieser Wirkung willen gelesen, sie werden von den Schreibern unbewußt um dieser Wirkung willen erfunden; wobei ich von den bewußten Erzeugnissen der Schmutzliteratur gar nicht reden will. So haben wir wieder ein Beispiel dafür, wie das Wort, welches man gern als eine geistige Macht über dem wirklichen Leben anschaut, in den Kausalzusammenhang des Lebens eingreift.

Man vermische mit dieser Erscheinung nicht die Tatsache, daß auch bei den Tieren in der Brunstzeit Lockrufe ertönen die wir namentlich bei den Vögeln so genau beobachten können. Wenn das Männchen auf die Disposition des Weibchens reagiert und diese Reaktion sich zunächst in einem bestimmten Tone äußert, so ist dieser Ton oder Schrei oder Gesang selbst schon eine Äußerung des Geschlechtstriebes. Beim Menschen jedoch ist es häufig das absichtlich gewählte Wort und die daran geknüpfte Vorstellung, ja mitunter sogar ein Zufallswort, was rasch und sicher den Trieb erregt. Der Lockruf des Tieres gehört nicht der Begriffsprache an; beim Menschen wird die Begriffsprache zum Lockruf.

 

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