Sprache und Zeichnung


Sprache eine Macht. Also doch etwas Wirkliches? Denn nur Wirkliches kann wirken. Was aber als Macht wirkt, das ist doch nie und nimmer "die" Sprache, sondern ein Wort. Dies Wort freilich nicht losgelöst von seinen Zusammenhängen. Nun, wie physiologisch doch auch nur immer irgend ein chemischer Vorgang nebst seinen Zusammenhängen, gegenseitigen Abhängigkeiten (Blut und Gehirnnerven) wirken kann. Die gegenseitigen Zusammenhänge mag man "die Seele'' nennen, l'introuvable. Die Sprache ist "die Seele" alles Redens — "möcht' man sprechen".

Will man die menschliche Sprache, die nicht wirklich ist und dennoch wirkt und eine Macht ist, mit etwas Ähnlichem vergleichen, so denke man an Zeichnungen, die schwarz auf weiß zu sehen sind, auf dem Papier, und dennoch nur Zeichen sind; physikalisch (als kleine Graphitteilchen) real; wirklich, wirksam nur Zweckvorstellungen, Zeichen, anthropomorphe Gebilde. Tiere nehmen Zeichnung (Täuschungen sind nicht Zeichnung) nicht wahr. Und die Lehre, daß es nie und nimmer möglich sei, durch irgendwelche Behandlung, Bearbeitung oder Tyrannisierung der Worte irgend eine neue Kenntnis aus ihnen herauszuziehen — diese Lehre wird weniger seltsam erscheinen, wenn man die Sprache nun besonders mitten Zeichnungen vergleicht, die zur Illustration wissenschaftlicher Bücher dienen. Man würde doch den sofort für blödsinnig erklären, der es sich einfallen ließe, eine Forschungsreise durch Afrika nicht an Ort und Stelle, sondern zu Hause auf einer Landkarte anzutreten. Man würde ihm sagen: "Mit der schärfsten Lupe wirst du auf der Karte nicht mehr finden, als deine Vorgänger gesehen haben oder zu sehen geglaubt haben." Ebenso würde man den verlachen, der die Forschungen im Gehirngebiet dadurch weiterbringen wollte, daß er Zeichnungen des Gehirns studierte.

Nun ist aber die menschliche Sprache nichts anderes als eine in Lautzeichen niedergelegte, schematische Gesamtbeschreibung alles dessen, was die Vorgänger bis heute gesehen haben. Mag man die Worte nun mit noch so scharfer Logik untersuchen, man wird niemals über ihren Inhalt hinauskommen, der eine Sammlung alten oder eben veraltenden Materials ist.

Dabei ist zu bemerken, daß alle Zeichnungen (vom Gehirn, vom Auge u. s. w.), auch wenn sie noch so naturgetreu sein wollen, doch schematisch ausfallen müssen, weil unsere Kenntnisse von den Zusammenhängen schematisch sind. Wir sehen nur zweierlei, erstens, was wir verstehen, und zweitens, was wir nicht unterbringen können. Aus einer Photographie des natürlichen Objektes könnte der Forscher allerdings neue Kenntnisse schöpfen; aber der mechanischen Photographie würden irn Bereiche der Tone nur unmittelbare Naturlaute und ihre Fixierungen entsprechen. Die Sprache kann niemals zur Photographie der Welt werden, weil das Gehirn des Menschen keine ehrliche Camera obscura ist, weil im Gehirn des Menschen Zwecke wohnen und die Sprache nach Nützlichkeitsgründen geformt haben.

 

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