Kant


Die ästhetischen Urteile sind mir jedoch noch aus einem anderen Grunde wichtig. Weil Kant nämlich an ihnen eine Kritik geübt hat, die an den Urteilen im allgemeinen zu üben er unterlassen hat. Er hat in seiner Kritik der Urteilskraft nicht die personifizierte Schönheit oder das Schöne analysiert, er hat sich vielmehr darauf beschränkt, die Gesamturteile zu untersuchen, d. h. die Begriffe oder Worte aus dem Bereiche des sogenannten Schönen. Also ist seine Kritik der Urteilskraft einige Sprachkritik. Sie erst; als er die Kritik der reinen Vernunft schrieb, dachte er noch nicht an die Frage: wie sind ästhetisch - synthetische Urteile a priori möglich. Erst kurz vor der Herausgabe der 2. Auflage kam er zu dieser Erweiterung. Hätte er das getan in seinem Hauptwerke , der Kritik der reinen Vernunft, hätte er auch da auf ein Verständnis der personifizierten Vernunft verzichtet und nur die Begriffe oder Worte ihres Bereichs, und das wäre allerdings die Sprache selbst gewesen, analysiert, so besäßen wir eine Sprachkritik von Kant; und das wäre bei der unvergleichlichen Schärfe und Tiefe seines Geistes nicht ein bloßer Beitrag, sondern die Sprachkritik gewesen, die erlösende Tat.

Vielleicht jedoch war diese Tat vor hundert Jahren, auch nach Locke und Hume, noch nicht möglich, weil der Begriff der Entwicklung trotz der vorhandenen ersten Anregungen selbst bei einem Kant noch nicht lebendig war, und weil ohne, die Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft der Organismen und ihrer Sinnesorgane die Gemeinsamkeit oder der soziale Charakter des Denkens unfaßbar schien. Nicht den dogmatischen Begriff "Entwicklung" meine ich, mit seinem besonders in Deutschland sich überpurzelnden Wortaberglauben; nur die fast mystische Einsicht, daß Sprache und Gedächtnis der Organismen, daß Sitte und Vernunft nicht sind, sondern geworden sind. Kant stand noch zu unmittelbar auf Wolff. So besaß er nicht den Anreiz oder den Zweck einer fundamentalen Sprachkritik, nicht die Hoffnung oder die Ahnung, die Möglichkeit der Erkenntnis an der Sprache prüfen zu können! Ist die menschliche Erkenntnis oder das Denken identisch mit der Sprache, ist die Sprache nichts anderes als das Gedächtnis der Menschheit, und ist endlich weder ein abstraktes Gedächtnis noch eine abstrakte Menschheit noch eine abstrakte Sprache m der Wirklichkeitswelt vorhanden, sondern überall nur menschliche Individuen mit Erinnerungsakten und Sprachbewegungen, so ist die Erkenntnis ebenso wie die menschliche Sprache eine soziale Erscheinung, wenn man will eine soziale Illusion, etwas zwischen den Menschen. In diesem Sinne bekennen wir uns zu dem vieldeutigen und in seiner logischen Fassung unrichtigen Worte: Society is prior to man. Darüber, ob die Menschen von Anfang an vergesellschaftet waren oder nicht, wissen wir nichts. Spencer hat vergessen, hier wie in jede andere Behauptung über die Urzeitgeschichte den Begriff des Differentials einzufügen. Nur in jedem kleinsten Zeitmoment geht der Entwicklung des Individuums der Einfluß der Gesellschaft oder des Milieus voraus. In Wahrheit dürfte das Verhältnis ungefähr so sein: immer ist das geniale Individuum seiner Herde oder seiner Gesellschaft um ein Wissensdifferential voraus und immer ist die Herde oder die Gesellschaft ihren Individuen um das Differential eines Begriffs, eines Werturteils, kurz eines vermeintlichen Wissens voraus. Nur als die eine Seite der Wahrheit ist Spencers Wort anzuerkennen.

Wo immer nun wir den Versuch machen werden, das Wesen der Erkenntnis zu entdecken, da wird es sich so genau wie die Sprache als eine soziale Erscheinung, vielleicht als eine soziale Illusion enthüllen. Wir dürfen nur nicht zu sehr auf die Unterschiede zwischen Sprache, Denken und Erkenntnis uns berufen; haben doch jahrtausendelange Anstrengungen der besten Köpfe nicht vermocht, selbst zwischen den faßlichsten Begriffen dieser weiten Gruppen: der Sprache, des Denkens und der Erkenntnis (oder: zwischen dem Satze, dem Urteil und der Wahrheit) deutliche Grenzen zu ziehen.

Der weitere Verlauf aller Untersuchungen dieser Sprachkritik wird uns lehren, wie alle Disziplinen der Natur- und Geisteswissenschaften, aus deren Vorrat die Sprachkritik schöpfen muß, zu der gleichen Resignation, zu dem gleichen Zweifel an der Festigkeit unseres Wissensgebäudes kommen.


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