"Der Zucker ist süß"


Der Satz "der Zucker ist süß" ist ein Teil unserer Welterkenntnis, wenn auch ein kleiner. Doch diese kleine Erkenntnis läßt sich selbst wieder verschieden betrachten, je nachdem ich mit diesem Satze die subjektive Tatsache gemeint habe, daß dieses Stückchen Zucker eben die Empfindung süß in mir ausgelöst hat, oder daß nach meiner Erfahrung und der Erfahrung der Menschheit der Stoff Zucker allgemein oder objektiv süße Empfindungen verursacht. Im zweiten Falle ist es die Spielregel der Menschheit, den Stoff Zucker und die Empfindung süß zu nennen, aber es ist über das Sprachliche hinaus eine Spielregel des menschlichen Organismus, nach Berührung dieses Stoffes mit Zunge oder Gaumen die und die besonders differenzierte angenehme Empfindung zu spüren. Im ersten, subjektiven Sinne ist der Satz "der Zucker ist süß" nur eine besondere Anwendung der Spielregel; habe ich mich foppen lassen und Arsenik gekostet, so bin ich zu dumm zum Mitspielen; habe ich gelogen, beim Spiele gemogelt, so darf ich nicht mitspielen.

Es wird Sache psychologischer Untersuchungen sein, zu zeigen, wie der Glaube an ein Wissen, das nur eine soziale Illusion ist, dadurch mächtig werden konnte, daß uns nichts anderes übrig blieb, als die Welt anthropomorphisch zu verstehen. Auch das Wissen ist ein Glauben, ist eine Tradition. Wie die Sprache oder das Wissen zwischen den Menschen so entstand, daß jeder einzelne dem nächsten seine eigenen Wahrnehmungen und seine eigenen Willensakte zutraute, so ging es weiter zwischen den Menschen und der Natur, der der Mensch, zwar nicht seine Sinnesorgane, aber doch seine Willensakte zuschrieb, so zu den Begriffen Objekt und Subjekt, Ursache und Wirkung u. s. w. gelangte und das Gesellschaftsspiel des Wissens nun gar mit Bäumen und Tieren weiterspielte.

Metaphorisch kann man auch dieses anthropomorphische Wissen nennen, und wir werden sehen und in solchem Zusammenhange besser begreifen lernen, wie metaphorisch darum wieder die menschliche Sprache ist. Die Metapher als Grundquelle aller Sprachentwicklung führt wieder, da sie durchaus von der Sinnlichkeit ausgeht, zur Physiologie zurück und verbindet diese mit der Sprachwissenschaft, welche uns die Wissenschaft ist von dem, was zwischen den Menschen spielt. Es wird uns dies noch viel beschäftigen. Für jetzt nur ein Wort über die sprachliche Bedeutung des eben verwandten kindlichen Satzes "der Zucker ist süß". Wer die wenigen Worte dieses einfachen Satzes, jedes für sich, in ihrer Sprachgeschichte und in ihrem grammatischen Werte zu deuten vermöchte, wer dann den Gesamtausdruck des Satzes psychologisch mit den Vorstellungen vergleichen könnte, deren redseliger oder abgekürzter Ausdruck er ist, der könnte sich rühmen, die Sprachwissenschaft bis zu einer Sprachkritik geführt zu haben. Als vorläufiges Beispiel nur einige Winke über die Aufgaben einer solchen Analyse.

"Der" war ursprünglich demonstrativ und konnte so jeden augenblicklichen Bewußtseinsinhalt auch ohne Subjektwort ersetzen. "Das da ist süß". Der Bedeutungswandel dieses Wortes vom Demonstrativum herab bis zum Artikel geht recht gut parallel mit der Tatsache, daß wir ein Ding zuerst empfinden, ohne es nennen zu können, bis wir es endlich als einen Begriff im Urteil gebrauchen, ohne es vorstellen zu müssen. (Vgl. III, 3.)

Ein solcher Begriff ist "Zucker", sobald wir den einfachen Satz als eine objektive oder allgemeine Weisheit aussprechen. Versuchen wir jedoch den Begriff zu definieren, so wird selbst dieser Stoff, den jedes Kind zu kennen glaubt, zu einem Rätsel, welches die Chemiker in ihrer Geheimsprache unter das höhere Rätsel Kohlenhydrate bringen, während die Laien und die Kinder wirklich die Definition des Zuckers darauf beschränken müssen, er sei etwas, was süß schmeckt. Zu diesen logischen Fragen kommt dann noch der Umstand, daß "Zucker" in unserem einfachen Satze bald ein konkretes bald ein abstraktes Wort sein kann.

Alle Schwierigkeiten der Verbalformen, alle Schwierigkeiten der Copula drängen sich um das Wörtchen "ist" in unserem Satze. Ob das Wörtchen die Existenz des Zuckers mitbedeutet oder nur die Wahrheit der Beziehungen zwischen Süßigkeit und Zucker, ob die Eigenschaft eine Erscheinung des ruhenden Objekts Zucker ist oder eine Wirkung der Atombewegungen des Objekts, das alles verlangt am Wörtchen "ist" nach Aufklarung. Dazu hat die Präsensform des Wörtchens ist" einen ganz anderen Sinn, je nachdem der einfache Satz ein subjektives oder ein objektives Urteil ausspricht.

Das Eigenschaftswort "süß" endlich regt zur Untersuchung an, ob wir von dem ganzen Komplex "der Zucker ist süß" in unserem Bewußtsein irgend etwas anderes vorfinden als die Empfindung süß, so daß der ganze Satz für den Metaphysiker nur ein wertloses Gerede über diese Empfindung wäre. Wertlos für unsere Erkenntnis der Wirklichkeitswelt, wertvoll nur als ein Mittel, die Bemerkung zwischen spielenden Menschen hin und her gehen zu lassen, ein kleiner Beitrag zu der sozialen Verständigung zwischen den Menschen. Und schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Empfindung "süß" bei allen Menschen die gleiche ist, nichts weiter als die Grundlage aller Sozietät, die Verwandtschaft der Zufallssinne; wie wenn die Menschen sich ihrer gleichgehenden Taschenuhren erfreuen, während doch der gleiche Gang zunächst durch die Konvention einer gleichen mitteleuropäischen Zeit und dann durch die weitere Konvention zu stände gekommen ist, daß wir die Bewegung der Erde um sich selbst und um die Sonne zu unserem Zeitmesser gemacht haben.


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