Einsamkeit


Trotzdem rühmt eine ewig wiedergekäute Lehre an der Sprache, daß sie die Menschen verbinde. Und noch ist der Jammerruf nicht erklungen, daß alles Elend der Einsamkeit nur von der menschlichen Sprache kommt.

Nur in der Herde ist Wohlsein. Nur im Herdenleben ist die stumme Überzeugung, daß alles, was geschieht, so und nicht anders am besten geschieht. Wir nennen diesen Zustand dumpfen Glücks den Instinkt. Die Tiere empfinden dieses Viechsglück. Auch die Instinktmenschen, die ein Herdenleben führen, bei denen die Sprache und das Denken nicht über das Verabreden von Herdenhandlungen hinausgekommen ist. Ob so eine Herde Menschen sich einmütig vor dem gemeinsamen Götzen auf die Kniee wirft, ob die Weibchen der Herde einmütig den gleichen Cape über ihre flachen Schultern werfen, ob die Männchen mit dem gleichen Hurraruf in den Krieg ziehen oder ob sie alle zur gleichen Stunde äsen, wiederkäuen und zur Tränke gehen, ist ein unbewußtes Viechsglück.

Bei wem aber die Sprache sich so weit differenziert hat, daß er die Kommandorufe des Instinkts anders versteht als die Herde, daß ihm ihr Götze nicht Gott ist, daß er sich von den wattierten Schultern des Cape nicht täuschen läßt, daß er den Hurraruf des Feindes versteht und nicht mehr mittut, daß er dann frißt, wenn er selber hungert, und dann erst Mittag schlagen hört, der ist einsam geworden durch die Sprache und hat als letzten Trost nur sein Lachen über das Blöken der Herde. Die blökende Herde aber hat vollkommen recht, wenn sie seine einsame Sprache für irr erklärt. Irr ist, wer sich von der Herde und ihrer Tränke entfernt, verirrt hat.

Die Herdensprache ist so wenig Gegenstand der Kritik wie das Zwitschern der Vögel. Sie steht unter der Kritik. Sie verbindet die Menschen nicht, aber sie ist ein Zeichen der Verbindung. Zu dieser Herdensprache gehört der Glockenklang, der zur Kirche ruft, die Trommel im Felde und der Gong, der im Hotel die Dinerstunde anzeigt. Irre wird auch die Sprache erst, wenn sie sich nicht mehr damit begnügen will, zwischen den Menschen zu sein, ihre Notdurft stöhnend zu begleiten, wenn sie über den Menschen, von Menschennotdurft gelöst, überreizten, geistigen Bedürfnissen dienen will.

Wie der Ozean zwischen den Kontinenten, so bewegt sich die Sprache zwischen den einzelnen Menschen. Der Ozean verbindet die Länder, so sagt man, weil ab und zu ein Schiff herüber- und hinüberfährt und landet, wenn es nicht vorher versunken ist. Das Wasser trennt, und nur die Flutwelle, die von fremden Gewalten emporgehoben wird, schlägt bald da, bald dort an das fremde Gestade und wirft Tang und Kies heraus. Nur das Gemeine trägt so die Sprache von einem zum anderen. Mitten inne, wenn es rauscht und stürmt und hohler Gischt zum Himmel spritzt, wohnen fern von allen Menschenländern Poesie und Seekrankheit dicht beisammen.

 

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