Liebe


Daß Sprache etwas zwischen den Menschen sei, sollte nirgends deutlicher werden, als in den Werbereden zweier verliebten Menschen. Da aber wird sie — Poesie beiseite — erst recht zur Spielregel. Zum Begattungsakt zweier Geister ist die Sprache darum nicht das geeignete Mittel, weil sie zu verschämt ist oder zu plump für die innigste Umarmung. Nur der afrikanische Pöbel vollzieht das öffentlich, im Licht der Sonne und der Sprache.

Es ist aber nicht zu verkennen, daß zuchtfähige Menschen — die nach der Meinung der Philister am meisten zur Entartung beitragen, weil sie die Art ändern —, daß besonders wünschenswerte Menschen, geistige Hengstmenschen, auch sprachlich nach einer Vereinigung mit den geliebten Geschlechtsanderen streben. Die Vereinigung ist unmöglich, die Schädelwand ist zu dick, kein Gedanke kann den anderen begatten. Wie ein verrückt gewordener Instinkt klettert die Sprache der Verliebten darum immer steiler in die Höhe und träumt von einer Umarmung im Äther, um dann umso platter auf die Erde zu fallen.

Was die Sprache der Verliebten irrend und fistulierend will, das ist aber vielleicht doch irgendwie verwandt mit dem, was Schopenhauer ganz mythologisch den Willen der Natur genannt hat, und was schließlich in der Darwinschen Mythologie Entwicklung heißt. Wie es zugeht, wissen wir nicht. Für das auch von ruhigen Beobachtern beglaubigte Liebesgefühl gibt Darwin keine genügende Erklärung und just Schopenhauer mit seiner Liebe zur kommenden Generation nur eine tautologische Umschreibung.

Und doch empfinden wir so etwas. Wir empfinden, wie unser Wagen fortgerissen wird von zwei ungleichen Tieren; ein Wildschwein und ein geflügeltes Pferd sind zusammengespannt. Wir möchten das Schwein gar nicht abschneiden von der Deichsel. Aber wir möchten hinübergehen in die Nachwelt des Gedankens oder des Kindes mit dem geflügelten Pferde allein. Wir empfinden in uns den Trank, der die obere Hälfte des Kristallbechers rein füllt, und der sich unten zu einer trüben, giftigen, berauschenden Flüssigkeit verdickt. Wir wollen den ganzen Becher leeren, aber die Mütter unserer Zukunft — die ebenso sind wie wir — sollen uns nur das klare Naß trinken sehen und selbst nur davon nippen. Wir kriechen auf der Erde, aber wir fühlen Kraft zu fliegen.

Einer allein kann es nicht. Wir glauben aber, wir haben die Illusion, daß wir fliegen könnten, wenn wir nur einen Stützpunkt hatten an dem anderen, der kriecht und fliegen möchte, und dem wir wieder der Stützpunkt sind für seine Illusion.

Und nicht bloß Illusion. Was die tote Sprache nicht vermag, wenn sie, gehoben von der Hitze der Lust, flüsternd und lispelnd die Seele des anderen sucht, das gelingt dem lebenden Wirklichen, dem allzulange so verachteten Körper. Glänzend in der Hitze der Lust, sieht das Auge das glänzende andere Auge, langsam gattet sich Lippe zu Lippe, und in der letzten Vereinigung geschieht das Wunder, daß die beiden Leidenschaften sich fortpflanzen in ein neues Wesen, an dessen Deichsel kein ekelhaftes Tier gespannt ist, dessen Trank keinen giftigen Satz hat und das im Traume fliegt mit seiner Kinderphantasie.

Das ist unsere Rührung beim Anblick eines gesunden Kindes, das unsere Sehnsucht nach der Unschuld des Kindes. Denn aus dem Kinde wird ein Mensch, und das edle Roß schaudert, wenn das Wildschwein zum ersten Male neben ihm zieht. Und es ist die ewige Frage der Menschheit, ob seine Entwicklung durch die Liebe ebenso täuschungsvoll und unbefriedigend bleiben müsse, wie ihre Versuche, sich durch die Sprache zu vereinigen.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 17:50:05 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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