Zwischen den Menschen


Seitdem man gelernt hat, die Sprache wie alle Volkspsychologie als etwas zu betrachten, was nicht in meinem und nicht in deinem Kopfe vorgeht, sondern was zwischen den Menschen schwebt wie der Äther, seitdem hätte man auch die Logik der Volkspsychologie zuweisen und auch das Denken als etwas erkennen müssen, was als fließendes Gewässer die Menschen trennt, oder als federnde Brücke hinüberführt, was aber niemals dem festen Lande gleicht.

Insofern freilich das Denken oder die Sprache etwas Selbsterzeugtes ist, eine Sammlung von Erinnerungszeichen, um sich in der Fülle der Eindrücke nicht zu verirren, haftet die Sprache allerdings am Individuum, an meinem und deinem Gehirn. Das ist aber der kleinste Teil der Sprache, der wertvollste für die Persönlichkeit, der wertloseste auf der Börse des menschlichen Verkehrs; denn dieser Teil ist nicht verkäuflich, ist nicht übertragbar, ist unverständlich, unmitteilsam.

Insofern jedoch der Einzelne fertige Wortzeichen für fertige Begriffe von der Amme, vom Lehrer, von seiner Zeitung ins Gehirn gedrückt bekommt, ist die Sprache (die eben Denken genannt wird, sobald sie in Bewegung gerät) zwar durch solche Zeichen leise mit allen Einzelgehirnen in Kontakt gebracht, aber zitternd und flimmernd lebt sie ihr eigentliches Leben zwischen den Menschen. Aus der Tradition holt sie ihre Begriffe, auf der Börse des Verkehrs läßt sie ihre Werte prägen.

Wer darum vermessen genug wäre, sich aus diesem umstrickenden Verbindungsnetze der gemeinsamen Sprache zu lösen, um mit seinem einzelnen Gehirn nicht anschauend, sondern denkend oder sprechend über den Abgrund unseres Nichtwissens zu kommen, der würde sich gewiß vermessen in der Weite des Sprungs. Zum Glück für ihn kann er sich gar nicht loslösen von der gemeinsamen Sprache; auch ihm sind die gemeinsamen Zeichen eingedrückt worden, auch er denkt sein lautes Denken gewissermaßen außer seinem Kopfe zwischen den Menschen. Und wie die sympathischen Nerven, die das unbewußte Leben der Atmung und Verdauung bedienen, dennoch mit dem Zentralnervensystem in Verbindung stehen, so hängt auch der einsamste Mensch, sobald er spricht, eben von der Sprache ab, die zwischen den Menschen entstanden ist.


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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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