Strombett der Sprache


Wir können also sagen, daß die Einzelsprachen, mit welchen die Sprachwissenschaft sich wie mit wirklichen Dingen abzugeben gewohnt ist, Strömen gleichen, in welchen an jedem einzelnen Punkte der Wassertropfen zeitlich unaufhörlich von anderen Wassertropfen abgelöst wird, räumlich in der Mitte von anderen Wassertropfen dahinfließt. Der alte griechische Satz "man kann nicht zweimal in denselben Fluß hinabsteigen" gilt auch für die Sprache. Ihre Worte und Formen haben sich unaufhörlich verändert. Wenn unser "Helm" wirklich von dem alten indischen 9arman herkommt (gotisch hilms), so ist die Veränderung in unscheinbaren Abschattierungen der Laute ganz allmählich vor sich gegangen; aber je unbedeutender die Lautveränderungen von Geschlecht zu Geschlecht vor sich gehen, je sicherer jedes Geschlecht glaubt und hofft, das ererbte Wort unverfälscht weiter zu geben, desto unaufhörlicher muß der Fluß dieser Veränderungen sein, damit aus carman Helm werde. Hundert Jahre bedeuten da so wenig, daß "Helm" z. B. noch ganz mundgerecht war, als die preußischen Heeresorganisatoren zu Anfang des 19. Jahrhunderts das Wort (mit der Sache) wieder einführten, nachdem es gegen zweihundert Jahre lang in bloß poetisch-historischem Gebrauche geruht hatte. Auch die Mühlen der Sprache mahlen langsam, aber sicher. So ist — um beim Bilde vom Strome zu bleiben — jeder folgende Tropfen dem vorangegangenen so ähnlich, daß kein Mikroskop einen Unterschied herausfinden könnte; und doch ist es nicht ausgeschlossen, daß das Wasser eines Stromes im Laufe der Jahrhunderte die in ihm aufgelösten Bestandteile ändert, weil durchflossene Minerallager erschöpft worden sind oder weil irgend ein Gebirge durch Abholzung rascher überflutet wird oder weil Bodenveränderungen stattgefunden haben u. s. w. Was beim Strome eine wenig beachtete Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit ist, das ist in der Sprache zuverlässig Wirklichkeit. Unablässig wandeln die Sprachen die Bedeutung ihrer Worte und bei dem unübersehbaren Verkehr des letzten Jahrhunderts, bei dem starken Aufwand an neuen Begriffen kann die Sprache dem Bedürfnis an Bedeutungswandel kaum nachkommen. So hat sich z. B. der Bedeutungswandel der Worte innerhalb der großen Gruppe der Eisenbahnbegriffe bis heute nicht vollständig vollzogen. Man denke an "Platz" in "Platzkarte". Oder an den Begriff "Stunde" beim Berliner ("Nach Hamburg sind es vier Stunden") und beim Gebirgsbewohner ("Gute vier Stund' bis hinauf"). Unablässig geht auf der anderen Seite der Lautwandel vor sich, der sich in der Hauptsache auf das einzige Bedürfnis der physiologischen Bequemlichkeit zurückführen läßt. Denn wenn einerseits allgemein anerkannt wird, daß der Lautwandel zum großen Teile vorgenommen wird, um den Sprachorganen Arbeit zu ersparen, so ist doch auch derjenige Wandel in den Bildungsformen, der auf Erweiterung und neuerungssüchtige Ausdehnung der Analogien hinausläuft (z. B. im Deutschen das Ersetzen der starken Konjugation durch die schwache, wie backte statt buk, ähnlich wie in der Kindersprache trinkte statt trank), eine Bequemlichkeit für die Nervenbahnen. Beispiele sind beinahe überflüssig. Im Deutschen ist aus dem spätlateinischen merkwürdigen Worte paraveredus schließlich "Pferd" geworden, das überdies vielfach "Ferd" ausgesprochen wird, so daß eine künftige Orthographie das p vielleicht weglassen wird. Aus dem griechischen Worte eléémosyne (deutsch Almosen) ist das englische alms geworden, das ams ausgesprochen wird. Wir können diese heimliche Tätigkeit zu Gunsten einer bequemeren Aussprache mitunter bei der Arbeit beobachten. So schreibt heute noch jeder Schulmeister und jeder Dorfschüler "sehen" und "gehen". Schauspieler, Kanzelredner und ihresgleichen bemühen sich, das stumme e deutlich auszusprechen. In der Umgangssprache wird aber dieses stumme e, welches im Gotischen ein a (saihwan), nicht mehr gesprochen, und die Sprachmeister sind in Verlegenheit, welche Regel sie aufstellen sollen. Noch vor wenigen Jahren schrieb ein Sprachforscher, die Weglassung des e in der Endsilbe en (gesehn) sei vulgär. Seitdem habe ich diese Weglassung sehr häufig gesehn.

Ist nun die zeitliche Veränderung der Worte schon vielseitiger und feiner, als wie die Verschiedenheit der aufeinanderfolgenden Wassertropfen bisher gekennzeichnet worden ist, so ist offenbar die Verschiedenheit der Wassertropfen, die im Strombett nebeneinander fließen, auch nicht so groß wie die Verschiedenheit der Individualsprachen unter Volksgenossen. Habe ich also die Einzelsprache mit dem ewig veränderlichen Flusse verglichen, so ist die Strömung der Sprache zwar eine langsamere, aber, worauf es ankommt, die Unfaßbarkeit und Flüchtigkeit des einzelnen Moments scheint mir bei der Sprache noch größer zu sein. Wir kämen weiter, wenn wir zur Vergleichung an regelmäßige Luftströme und Luftstrombette denken dürften. Will man also die Einzelsprache nicht als ein unwirkliches Abstraktum anerkennen, so wird nichts Übrig bleiben, als das Strombett selbst, die sich gleichbleibende Form mit der Einzelsprache zu vergleichen, weil das Strombett sich denn doch langsam genug verändert.

Habe ich es mir nun zur Aufgabe gestellt, nicht die Form und die Geschichte der Einzelsprachen zu verfolgen, sondern dasjenige zu beobachten, was den Einzelsprachen gemeinsam ist, so werde ich Ähnlichkeiten zwischen ihnen auffinden müssen. Ist zwischen den Einzelsprachen keine andere Ähnlichkeit vorhanden als die in der Definition liegende, daß sie nämlich zur Verständigung zwischen den Menschen dienen, so wird meine Untersuchung bald zu Ende sein oder doch kein positives Ergebnis liefern. Doch auch dann wäre es nützlich, manchen Aberglauben zu zerstören, den Grammatik und Logik an die Sprache geknüpft haben. Ich hoffe aber, noch um einen kleinen Schritt weiter kommen zu können. Vergleicht man die einzelnen Sprachen miteinander etwa so, wie die Erdbeschreibung die einzelnen Strombette miteinander vergleicht, nach ihrer Lage, ihren Linien und dergleichen, so scheint mir dabei nur eine überflüssige Wissenschaft herauszukommen. Es wäre aber auch möglich, bei sehr genauer Beachtung und vollständiger Kenntnis aller Begleitumstände, jedes einzelne Strombett als die Wirkung seiner eigenen Wassermassen bis ins kleinste zu erklären. Die bekannten physikalischen und chemischen Eigenschaften des Wassers sind die alleinige Ursache der gegenwärtigen Strombette, die dann freilich wieder den neuen Wassermassen ihren Weg weisen. Diese Weisheiten sind so wohlfeil wie Brombeeren. Jeder Schafhirt versteht sie und kennt sie auch ungefragt. Dennoch gab es eine Zeit, in welcher die Menschheit unter dem Zwang eines lebhafteren mythologischen Bedürfnisses sich irgend einen Gott, ein Mannsbild oder ein Frauenzimmer, am Ursprung eines Flusses sitzend dachte, welcher Gott nach geheimnisvollen Absichten viel oder weniger Wasser, warmes oder kaltes Wasser, gutes oder schlechtes Wasser in das Strombett oder aus der Quelle fließen ließ. Eine Nachwirkung dieser Mythologie finden wir heute noch in Ausdrücken wie Vater Rhein oder auch in den lächerlichen Frauenzimmern, welche auf lächerlichen Denkmälern mit unpraktischen griechischen Krügen in der Hand deutsche Flüsse darstellen. Wir dachten uns nichts dabei, sagen die Leute zur Entschuldigung.


 © textlog.de 2004 • 17.12.2017 18:36:02 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright