Gehen und Sprechen


Die Ähnlichkeit zwischen Gehen u. s. w. und Sprechen würde heller werden, wenn wir schon hier mit klarer Einsicht das Abstraktum "Sprache" immer durch das Tätigkeitswort "Sprechen" ersetzen dürften.

Unser Gesichtspunkt ist weiter darin wertvoll, daß die Frage nach dem Ursprung "der" Sprache ihren alten Sinn verliert. Der Ursprung muß immer weiter und weiter zurückverlegt werden und die Untersuchung der Sanskritwurzeln sinkt zu einer Sprachgeschichte des gestrigen Tages herab. Wo ich selbst — dem unbesiegbaren Sprachgebrauche folgend — ebenfalls von einem Ursprung der Sprache rede, denke ich darum nicht an den wirklichen unnahbaren Ursprung, sondern an einen irgendwo weit zurückliegenden Punkt des Stromlaufs, an einen Ruhepunkt, der aber nur in meiner Vorstellung existiert.

Die zweckmäßigen Bewegungen, welche wir unter dem Namen Sprache zusammenfassen, oder besser unter dem Verbum "Sprechen" (jedes Verbum ein Ordnungsbegriff unter dem menschlichen Gesichtspunkte eines Zwecks), machen den allgemeinen Weg von der unbewußten Bewegung durch das bewußte Wollen zum Unbewußten zurück, und zwar sowohl in der allgemeinen Sprachentwicklung wie in der Sprache des Individuums. Die Äußerungen des Schmerzes und der Freude gehen noch aus keinem bewußten Willen hervor; sie kommen, um den Sprachgebrauch französischer Psychologen anzuwenden, aus Volitionen, nicht aus der volonté. Das Sprechenlernen des Kindes ist mit Bewußtsein verbunden wie das Gehenlernen; auch in der genetischen Entwicklung der Sprache müssen wir behaupten, daß jede Bereicherung, jede neue kühne Metapher, mit Bewußtsein verbunden war. Am Ende wird aber das gewöhnliche Sprechen so automatisch, daß es dem Laien zuerst schwer fällt, nur in den Bewegungen das Wirkliche der Sprache zu sehen. Denn er achtet zuletzt nur noch auf die Ergebnisse der Bewegungen, die Töne, und nicht auf die Bewegungen selbst. Mit dem bewußten oder unbewußten Wollen bleibt das Sprechen oder Denken, bleibt alles Erkennen immer verbunden, weil alles Erkennen zuletzt auf die durch das Individualinteresse erweckte Aufmerksamkeit und die durch das Vorfahreninteresse ererbte Aufmerksamkeit zurückgeht.

Hätten die Menschen nicht sprechen gelernt, und nur ein einzelner unter ihnen würde sprechen, so wäre es dem Beobachter natürlich, die Erscheinung als eine Reihe von Bewegungen aufzufassen, und es würde ihm kaum einfallen, diesen Bewegungen einen Gesamtnamen zu geben. So fällt dem Kinde an dem brüllenden Ochsen sehr deutlich die Anstrengung auf, die das Tier macht. Die Sprachbewegungen des unter sprachlosen Mitmenschen allein redenden Individuums wären aber gar nicht Sprache. Ein einzig sprechender Mensch unter sprachlosen Volksgenossen ist ebensowenig vorstellbar wie ein redender Gott, der den Menschen die Sprache erst schenkte. Oder er wäre wie der Teilnehmer an einem ausgedehnten Telephonnetze, das keinen zweiten Teilnehmer hatte. Seme Zweckbewegungen wären nicht Sprache. Sprache werden diese Bewegungen erst durch ihre über das Individuum und über die Wirklichkeit hinausgehende Eigentümlichkeit, daß sie bei einer Gruppe von Menschen die gleichen, daß sie dadurch verständlich, daß sie nützlich sind. Als sozialer Faktor erst wird die Sprache, die vor Erfindung der Buchdruckerkunst noch nicht einmal in einem Wörterbuch beisammen war, etwas Wirkliches. Eine soziale Wirklichkeit ist sie; abgesehen davon, ist sie nur eine Abstraktion von bestimmten Bewegungen.

Ich brauche nicht erst hinzuzufügen, daß die gebrauchten Begriffe Volitionen und Wollen selbst wieder Abstraktionen sind, denen nichts Wirkliches entspricht. So führt man die Sprachbewegungen zuletzt auf einen Mitteilungstrieb zurück, der neben dem Atmungstrieb, dem Ernährungstrieb (wovon der Atmungstrieb doch nur eine Unterart wäre), dem Geschlechtstrieb (wovon der Ernährungstrieb wieder nur ein Diener wäre), dem Spieltrieb und dem Wahrnehmungstricb sauber aufgezählt wird. Der Wahmehmungstrieb ließe sich ebensogut in einen Sehtrieb, einen Hörtrieb u. s. w. zerlegen. Aber alle diese Triebe sind doch nur entstanden durch den menschlichen Klassifikationstrieb, der ihrer würdig ist, d. h. durch die Ökonomie des menschlichen Gedächtnisses; in der psychologischen Wirklichkeit kann es auch keinen Trieb geben außer dem individuellen Willen zum Leben, für den sich dann natürlich die Bezeichnung Selbsterhaltungstrieb findet.

 

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