Muttersprache nirgends


Es gibt; nicht zwei Menschen, die die gleiche Sprache reden. In Augenblicken tiefster Verstimmung wird Jedermann einmal das gedacht haben, daß nämlich kein Anderer seine besondere Sprache verstehe. Bildlich wird den Satz jedermann begreifen. Nicht leicht aber wird man zugeben, daß er eine nüchterne wissenschaftliche Wahrheit enthalte. Eine Wahrheit, die sich auch so ausdrücken ließe: daß ein jeder einen anderen Ausschnitt aus der gemeinsamen Muttersprache "beherrsche". Dies letzte Wort zu wählen wird mir schwer. Denn der Fall ist doch alltäglich, daß wir einen anderen, größeren Ausschnitt aus unserer Muttersprache verstehen, einen anderen, kleineren aber sprechen können, wie wir doch auch gewöhnlich manche Nachbarmundart noch verstehen, nur die eigene aber reden.

Dieser Überlegung liegt der Begriff einer einem Volke gemeinsamen Sprache, der Muttersprache, zu Grunde. Wo ist diese Sprache Wirklichkeit? Wo in aller Welt? Nicht im einzelnen. Denn der versteht nur einen Teil des Wort- und Formenschatzes, gebraucht nur einen kleinen Bruchteil dessen, was er versteht. Nicht in Büchern. Denn sonst hätte es vor Erfindung der Schrift keine Sprache gegeben. Auch gibt es in Büchern überall nur höchstens Sammlungen von Worten und Regeln, sodann die zufällig entstandenen Literaturen, nirgends aber auch nur die Möglichkeit einer gesammelten Sprache. Wo ist also das Abstraktum "Sprache" Wirklichkeit? In der Luft. Im Volke, zwischen den Menschen.

Es kann sich also niemand rühmen, daß er auch nur seine Muttersprache kenne. Jakob Grimm hat seine eigenen Regeln nicht immer beobachtet. Ein Goethe gebraucht manche Worte unsicher, macht "Sprachfehler". Kurz, so genau kennt niemand die deutsche Sprache, daß er jeder Gebrauchsform sicher wäre, daß er nicht von Zeit zu Zeit Worte fände, die er noch nie gebraucht und noch nie gehört oder gelesen hat. So oft drei Deutsche aus verschiedenen Landschaften, von nur wenig verschiedenen Bildungsgraden oder Bildungsgängen (man könnte auch solche von drei möglichst verschiedenen Alterstufen hinzurechnen) beisammen sind, wird der eine bald ein Wort oder eine Form aussprechen, die die anderen nicht verstehen, oder die der zweite versteht, aber nicht der dritte. Das kann so weit gehen, daß die Gemeinsamkeit des gesprochenen oder des verstandenen Sprachmaterials aufhört (oder beider); die Gleichheit oder Beschränktheit der drei Menschen kann aber auch so groß sein, daß ihre Sprachen nur m Nuancen auseinandergehen. Aber wir wissen, was das für eine Gemeinsamkeit ist, die doch das Kennzeichen der Sprache ausmachen soll. Gemeinsam ist die Muttersprache etwa, wie der Horizont gemeinsam ist; es gibt keine zwei Menschen mit gleichem Horizont, jeder ist der Mittelpunkt seines eigenen.


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