XII. Erkenntnis und Wirklichkeit


Die Unerkennbarkeit des Subjekts, des Ichs ist schon im Upanishad abgründig ausgesprochen (nach Deussen, II, 73): "Nicht sehen kannst du den Seher des Sehens, nicht hören kannst du den Hörer des Hörens, nicht verstehen kannst du den Versteher des Verstehend, nicht erkennen kannst du den Erkenner des Erkennens." Wie denn im Upanishad die Mystik des vedischen Wissens überwunden und das Nichtwissen gelehrt wird.

Die Unmöglichkeit aller Erkenntnis durch die Sprache wäre sogar mathematisch zu beweisen, wenn eine Anwendung solcher Formeln auf psychologische Fragen nicht schon wieder ein Mißbrauch der besonderen mathematischen Sprache wäre. Aber ein Bild des wahren Sachverhalts wird doch etwa die Formel geben, welche Delboeuf (Logik S. 105) aufgestellt hat

A = f (a, x),

in Worten ausgedrückt, soll das heißen: das Wirkliche (A) wäre zu erkennen oder zu berechnen als eine Funktion von unserer Sinneswahrnehmung (a) und der uns unbekannten (x) Mitwirkung unserer Sinnesorgane bei dieser Wahrnehmung. Wenn man diese Formel auf Treu und Glauben hinnimmt, so könnte sie beinahe trostreich aussehen. Sie scheint nur eine einzige Unbekannte zu enthalten. Sie stellt die Wirklichkeitswelt unter dem Bilde eines positiven Wertes hin; man könnte fast glauben, daß aus dieser Formel sich die einzig vorkommende Unbekannte, die Natur unseres Geistes oder die Art unserer Sinnestätigkeit, genau berechnen ließe aus der Wirk-lichkeitswelt (A) und ihrer Erscheinung oder unseren Sinneswahrnehmungen von ihr (a). Wirklich könnte man alle Versuche, eine physiologische Psychologie zu begründen, auf den Aberwitz zurückführen, das x aus der Formel Delboeufs heraus berechnen zu wollen.

Aberwitz scheint mir dieses Bestreben, weil es nicht wahr ist, daß es eine Formel mit nur einer Unbekannten ist. Die Bewertung der einzelnen Zeichen wird, von unserem Standpunkt betrachtet, ganz anders ausfallen. Wir werden eine Formel mit einer imaginären (nicht "imaginär" im mathematischen Sinne) Größe, mit einer von zweifelhafter Wirklichkeit und mit einer unbekannten Größe vor uns sehen.

Die Natur unseres Geistes (x) ist die imaginäre, oder meinetwegen imaginierte, fingierte Größe. Ob wir sie unsere Seele nennen wollen oder das Wesen unserer Sinne, oder noch vorsichtiger die Tätigkeit unseres Gehirns, immer wird es für unseren Standpunkt gewiß sein, daß diesem x nichts Wirkliches entspricht. Wenn heute die fortgeschrittene Psychologie sich darüber klar ist, daß das Wort Seele eine ebenso kühne Personifikation war wie einst Zeus für das Prinzip des Himmels oder die Dryade für das Lebensprinzip des Baumes, so wird man bald dahinter kommen, daß selbst das unscheinbare Wort Tätigkeit eine zwar weniger kühne, aber doch nicht weniger leere Personifikation ist.

Das Wirkliche (A) ist die Größe von zweifelhafter Wirklichkeit. Denn seine Wirklichkeit, seine Wirksamkeit auf uns, sein Verhältnis zu unseren Sinneswahmehmungen steht ja eben in Frage. Wenn nun Psychologen wie Wundt mit Hilfe physikalischer Apparate das Wirkliche zu erkennen glauben, mit Hilfe anderer physikalischer Apparate unsere Sinneswahrnehmungen von der Wirklichkeit genauer beobachten und aus diesen beiden scheinbar bekannten Größen auf die Natur unseres Geistes schließen wollen, wenn sie z. B. (in Übereinstimmung mit der gegenwärtigen Metaphysik, soweit sie sich Naturwissenschaft nennt) das wirkliche Licht für Bewegung ausgeben, die Lichterscheinungen als Bewegungen berechnen und darum in unserem Gesichtssinn eine Übertragung von Bewegungen erblicken, so haben wir eine vollkommen imaginierte Größe (das Wesen unseres Gesichtssinns) durch etwas zu erklären gesucht, dessen Wirklichkeit nach wie vor vollkommen zweifelhaft ist. Denn mögen sie sich bei ihren Experimenten drehen und wenden, wie sie wollen, sie kommen nicht über das Wahrnehmen von Erscheinungen hinaus, hinter denen dann das Wirkliche, die alte Frage, ungelöst bleibt. Die physikalischen Apparate können die Erscheinungen noch so sehr vergrößern, sie bieten immer nur Erscheinungen. Die glatte Wange der Geliebten, die glatte Oberfläche einer Stahlnadel mag unter dem Mikroskop noch so viele Poren, Höcker und Rauhigkeiten aufweisen, das Ding-an-sich der Haut oder des Stahls wird dennoch nicht sichtbar. Ein kurzsichtiges Auge sieht nicht so viel Sterne wie das des Schiffers, das gute Auge des Schiffers sieht nicht so viele wie das bewaffnete Auge des Astronomen, aber das Wesen der Sterne wird darum durch das Teleskop nicht besser erkannt. So ist auch die Verwandlung der Lichterscheinungen, der Farbenempfindungen in sogenannte Ätherschwingungen zum Teil eine genauere Beobachtung, zum Teil eine vorläufige Hypothese, jedenfalls eine Metapher. Diese Zurückführung der Lichterscheinungen, der Farbenempfindungen, auf Ätherschwingungen nun aber zuletzt für das Wirkliche, für das Licht als Ding-an-sich auszugeben, ist die alte und ungeschwächte Vermessenheit unserer Sprache, besonders darum eine Vermessenheit, weil wir eben gar nicht wissen, ob dem zusammenfassenden Worte "Licht" irgend etwas in der Wirklichkeit entspreche, weil wir vielmehr annehmen dürfen, daß diesem Worte in der Wirklichkeit nichts entspreche. Lichtenbergs köstlicher Traum: Gott reicht ihm das Buch der Natur, er aber untersucht das Buch — chemisch.

Unsere Sinneswahrnehmungen (a), d. h. die uns bekannten Erscheinungen der Wirklichkeitswelt sind in der Formel von Delboeuf das einzige, woran wir uns halten können, weil — we wir gesehen haben — die anderen Werte zweifelhaft oder imaginiert sind. Wir geraten in die Lage eines Kapitalisten bei einem Weltkrach. Von den Verschreibungen und Papieren, die in seiner Kasse lagern und in seinem Hauptbuche beziffert sind, stellen sich die einen als ganz und gar imaginär heraus wie Aktien einer Plantage auf dem Monde. Wie die Franzosen eine bloße Rechnungsmünze Monnaie imaginaire nennen. Die anderen sind so zweifelhaft wie die Aktien eines Bergwerks in Westafrika, von welchem Bergwerk man nicht weiß, ob es in Betrieb und ob es überhaupt vorhanden ist. Aber auch die besten Werte sind in diesem allgemeinen Bankerott vorläufig nicht zu beziffern. Das menschliche Denken besitzt nichts als seine Sinneswahrnehmungen; von ihnen wird es fürder sein Leben zu fristen haben, aber es weiß nicht einmal, wie weit es sich auf sie verlassen kann.


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