An die Deutschen


Spottet nimmer des Kinds, wenn noch das alberne

   Auf dem Rosse von Holz herrlich und viel sich dünkt,

      O ihr Guten! auch wir sind

         Tatenarm und gedankenvoll!

 

Aber kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke kommt,

   Aus Gedanken vielleicht, geistig und reif die Tat?

      Folgt die Frucht, wie des Haines

         Dunklem Blatte, der stillen Schrift?

 

Und das Schweigen im Volk, ist es die Feier schon

   Vor dem Feste? die Furcht, welche den Gott ansagt?

      O dann nimmt mich, ihr Lieben!

         Daß ich büße die Lästerung.

 

Schon zu lange, zu lang irr ich, dem Laien gleich,

   In des bildenden Geists werdender Werkstatt hier,

      Nur was blühet, erkenn ich,

         Was er sinnet, erkenn ich nicht.

 

Und zu ahnen ist süß, aber ein Leiden auch,

   Und schon Jahre genug leb ich in sterblicher

      Unverständiger Liebe

         Zweifelnd, immer bewegt vor ihm,

 

Der das stetige Werk immer aus liebender

   Seele näher mir bringt, lächelnd dem Sterblichen,

      Wo ich zage, des Lebens

         Reine Tiefe zu Reife bringt.

 

Schöpferischer, o wann, Genius unsers Volks,

   Wann erscheinest du ganz, Seele des Vaterlands,

      Daß ich tiefer mich beuge,

         Daß die leiseste Saite selbst

 

Mir verstumme vor dir, daß ich beschämt,

   Eine Blume der Nacht, himmlischer Tag, vor dir

      Enden möge mit Freuden,

         Wenn sie alle, mit denen ich

 

Vormals trauerte, wenn unsere Städte nun

   Hell und offen und wach, reineren Feuers voll

      Und die Berge des deutschen

         Landes Berge der Musen sind,

 

Wie die herrlichen einst, Pindos und Helikon,

   Und Parnassos, und rings unter des Vaterlands

      Goldnem Himmel die freie,

         Klare, geistige Freude glänzt.

 

Wohl ist enge begrenzt unsere Lebenszeit,

   Unserer Jahre Zahl sehen und zählen wir,

      Doch die Jahre der Völker,

         Sah ein sterbliches Auge sie?

 

Wenn die Seele dir auch über die eigne Zeit

   Sich, die sehnende, schwingt, trauernd verweilest du

      Dann am kalten Gestade

         Bei den Deinen und kennst sie nie,

 

Und die Künftigen auch, sie, die Verheißenen,

   Wo, wo siehest du sie, daß du an Freundeshand

      Einmal wieder erwarmest,

         Einer Seele vernehmlich seist?

 

Klanglos, ists in der Halle längst,

   Armer Seher! bei dir, sehnend verlischt dein Aug

      Und du schlummerst hinunter

         Ohne Namen und unbeweint.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 08:02:51 •
Seite zuletzt aktualisiert: 12.06.2005 
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