V

 

Der blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben,

die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt;

er wird die feierlichen Reiche erben,

an denen seine sanfte Seele krankt.

 

Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenster,

sieht er ein Moskau, weißer, unbegrenzter,

in seine endlich fertige Nacht gewebt;

so wie es ist im ersten Frühlingswirken,

wenn in den Gassen der Geruch aus Birken

von lauter Morgenglocken bebt.

 

Die großen Glocken, die so herrisch lauten,

sind seine Väter, jene ersten Zaren,

die sich noch vor den Tagen der Tataren

aus Sagen, Abenteuern und Gefahren,

aus Zorn und Demut zögernd auferbauten.

 

Und er begreift auf einmal, wer sie waren,

und daß sie oft um ihres Dunkels Sinn

in seine eignen Tiefen niedertauchten

und ihn, den Leisesten von den Erlauchten,

in ihren Taten groß und fromm verbrauchten

schon lang vor seinem Anbeginn.

 

Und eine Dankbarkeit kommt über ihn,

daß sie ihn so verschwenderisch vergeben

an aller Dinge Durst und Drang.

Er war die Kraft zu ihrem Überschwang,

der goldne Grund, vor dem ihr breites Leben

geheimnisvoll zu dunkeln schien.

 

In allen ihren Werken schaut er sich,

wie eingelegtes Silber in Zieraten,

und es giebt keine Tat in ihren Taten,

die nicht auch war in seinen stillen Staaten,

in denen alles Handelns Rot verblich.


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Seite zuletzt aktualisiert: 10.06.2005 
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