VI

 

Noch immer schauen in den Silberplatten

wie tiefe Frauenaugen die Saphire,

Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere,

die sich im Glanze ihrer Brünste gatten,

und sanfte Perlen warten in dem Schatten

wilder Gebilde, daß ein Schimmer ihre

stillen Gesichter finde und verliere.

Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land,

und ein Bewegen geht von Rand zu Rand,

wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Tale,

so glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.

 

In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale:

das große giebt dem Mutterantlitz Raum,

und rechts und links hebt eine mandelschmale

Jungfrauenhand sich aus dem Silbersaum.

Die beiden Hände, seltsam still und braun,

verkünden, daß im köstlichen Ikone

die Königliche wie im Kloster wohne,

die überfließen wird von jenem Sohne,

von jenem Tropfen, drinnen wolkenohne

die niegehofften Himmel blaun.

 

Die Hände zeugen noch dafür;

aber das Antlitz ist wie eine Tür

in warme Dämmerungen aufgegangen,

in die das Lächeln von den Gnadenwangen

mit seinem Lichte irrend, sich verlor.

 

Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:

Fühltest Du nicht, wie sehr wir in Dich drangen

mit allem Fühlen, Fürchten und Verlangen:

wir warten auf Dein liebes Angesicht,

das uns vergangen ist; wohin vergangen?

 

Den großen Heiligen vergeht es nicht.

 

Er bebte tief in seinem steifen Kleid,

das strahlend stand. Er wußte nicht, wie weit

er schon von allem war, und ihrem Segnen

wie selig nah in seiner Einsamkeit.

 

Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar.

Und sein Gesicht, das unterm kranken Haar

schon lange tief und wie im Fortgehn war,

verging, wie jenes in dem Goldovale,

in seinem großen goldenen Talar.

 

(Um ihrem Angesichte zu begegnen.)

 

Zwei Goldgewänder schimmerten im Saale

und wurden in dem Glanz der Ampeln klar.


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 15:45:28 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.06.2005 
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