In der Certosa


Ein jeder aus der weißen Bruderschaft

vertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten.

Auf jedem Beete steht, wer jeder sei.

Und Einer harrt in heimlichen Hoffahrten,

daß ihm im Mai

die ungestümen Blüten offenbarten

ein Bild von seiner unterdrückten Kraft.

 

Und seine Hände halten, wie erschlafft,

sein braunes Haupt, das schwer ist von den Säften,

die ungeduldig durch das Dunkel rollen,

und sein Gewand, das faltig, voll und wollen,

zu seinen Füßen fließt, ist stramm gestrafft

um seinen Armen, die, gleich starken Schäften,

die Hände tragen, welche träumen sollen.

 

Kein Miserere und kein Kyrie

will seine junge, runde Stimme ziehn,

vor keinem Fluche will sie fliehn:

sie ist kein Reh.

Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß,

und über Hürde, Hang und Hindernis

will sie ihn tragen, weit und weggewiß,

ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.

 

Er aber sitzt, und unter den Gedanken

zerbrechen fast die breiten Handgelenke,

so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.

Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer,

ein Wind beginnt, die Wege werden leerer,

und Schatten sammeln sich im Talgesenke.

Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt,

so wird der Garten ungewiß und hangt

wie windgewiegt auf lauter Dämmerung.

Wer löst ihn los?...

 

Der Frate ist so jung,

und langelang ist seine Mutter tot.

Er weiß von ihr: sie nannten sie La Stanca

sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man bot

es einem, der es nach dem Trunk zerschlug

wie einen Krug.

 

So ist der Vater.

Und er hat sein Brot

als Meister in den roten Marmorbrüchen.

Und jede Wöchnerin in Pietrabianca

hat Furcht, daß er des Nachts mit seinen Flüchen

vorbei an ihrem Fenster kommt und droht.

 

Sein Sohn, den er der Donna Dolorosa

geweiht in einer Stunde wilder Not,

sinnt im Arkadenhofe der Certosa,

sinnt, wie umrauscht von rötlichen Gerüchen:

denn seine Blumen blühen alle rot.


 © textlog.de 2004 • 17.12.2017 18:22:35 •
Seite zuletzt aktualisiert: 10.06.2005 
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