Gedächtnis

Gedächtnis (lat. memoria) ist nach der Auffassung der vulgären und der Vermögenspsychologie das Vermögen des Geistes, Vorstellungen, die aus dem Bewußtsein entschwunden waren, unverändert wieder hervorzurufen (zu reproduzieren) und wiederzuerkennen. Von der Erinnerung (s. d.) unterscheidet es sich dadurch, daß jene eine willkürliche, dieses eine unwillkürliche Reproduktion ist, von der Phantasie dadurch, daß diese die Vorstellungen verändert und in neue apperzeptive Verbindungen bringt, das Gedächtnis sie dagegen unverändert und in ihrer assoziativen Ordnung reproduziert. Ein Vorzug des Gedächtnisses ist also die Treue. Diese hängt von der Stärke der ursprünglichen Auffassung, vom Interesse an der Sache und von der Wiederholung desselben Eindruckes ab. Neben der Treue bildet die Dauerhaftigkeit, Leichtigkeit und Vielseitigkeit einen Vorzug des Gedächtnisses. Die sogenannten besonderen Gedächtnisse für Zahlen, Namen u. dgl. hängen vom Interesse und der Gewöhnung ab. Bei Kindern ist ein starkes Gedächtnis das erste Zeichen von Begabung, bei Erwachsenen jedoch nicht; denn wo viel Gedächtnis ist, pflegt weniger Urteilskraft zu sein. Die Abnahme des Gedächtnisses entspringt entweder aus dem Alter oder aus Gehirnkrankheit. Kant (1724 bis 1804) definierte das Gedächtnis, Erinnerung und Gedächtnis nicht unterscheidend, als Vermögen, vormalige Vorstellungen willkürlich zu. reproduzieren; memorieren bezeichnete für ihn, etwas methodisch ins Gedächtnis fassen. Er unterschied mechanisches, ingeniöses und judiziöses Memorieren. Das erste beruht nach seiner Auffassung auf Wiederholung, das zweite auf Assoziation, das dritte auf Einreibung der Vorstellung in ein System (Kant, Anthropologie I, § 31, S. 92 ff.). Beispiele von ausgezeichnetem Gedächtnis sind Themistokles, welcher die Namen aller athenischen Bürger kannte, Scaliger, der den Homer in 21 Tagen auswendig lernte, Leibniz und Euler, welcher die Aneide, Giambattista Giuliani, der Dantes Divina Commedia, und Hugo Grotius, welcher das ganze Corpus iuris auswendig wußte. Die neuere Psychologie führt jeden Gedächtnisvorgang auf Erinnerungsassoziationen zurück (vgl. Erinnerung). Vgl. Jean Paul, Levana § 141 ff. E. Hering, Über das Gedächtnis. Wien 1870. J. Huber, Das Gedächtnis. München 1878. Ribot, maladies de la mémoire. 1881. Wundt, Grundr. d. Psychologie, § 16, 18 ff., S. 293 ff.


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